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Hagen Rether mag Bananen und will so lange Kabarett machen, „bis Fleisch verboten wird“. Foto: Roller
Hagen Rether mag Bananen und will so lange Kabarett machen, „bis Fleisch verboten wird“. Foto: Roller
28.11.2016

Hagen Rether in Pforzheim: Kabarett mit Tiefgang

Pforzheim. Kurz fassen kann sich Hagen Rether nicht. Am Ende hat er fast dreieinhalb Stunden auf sein Publikum eingeredet, zwei Gläser Wasser getrunken, zehn Minuten lang den Flügel gewienert und drei Bananen gegessen. Bevor er geht, gibt er seinen Zuhörern im Kulturhaus Osterfeld noch mit auf den Weg: „Seien Sie gut zu Ihren Kindern.“

Gedanken freien Lauf gelassen

Rether hat an diesem Abend viel zu sagen. Er kratzt nicht nur an der Oberfläche, macht zwei, drei Gags und huscht dann weiter zum nächsten Thema. Nein, er nimmt sich Zeit, sogar sehr viel Zeit, und geht in die Tiefe, dringt bis auf den Kern des Problems vor. Bequem setzt er sich in seinen Sessel und lässt seinen Gedanken freien Lauf. Da ist zum Beispiel der Umgang mit den Flüchtlingen. „Wann ist uns eigentlich unsere Empathie abhanden gekommen?“, fragt Rether provokant. Ihn stört es, dass Flüchtlinge für so vieles verantwortlich gemacht werden, das man jahrelang an Integrationsarbeit versäumt hat. In den 1960er-Jahren, als es den Deutschen noch schlechter ging, da hätten sie den millionsten Gastarbeiter mit einem Motorrad begrüßt. „Heute sind wir hundertmal so reich und zünden ihnen schon mal präventiv die Häuser an.“ Am schlimmsten findet Rether aber, dass diese Brandanschläge oft nicht geahndet werden, weil der Polizei das Personal fehlt. Und das, während zu Fußballspielen Hundertschaften von Polizisten gekarrt werden, „weil den Besoffskis mit Testosteron bis zur Oberkante ein gesicherter therapeutischer Rahmen geschaffen werden muss“. Das Publikum lacht zwar, aber lustig ist das eigentlich nicht. Denn was Rether an diesem Abend erzählt, ist die nackte, grausame Realität. Und dort gibt es nun einmal Lebensmittelkonzerne, die ihre Produkte in Kinderarbeit herstellen lassen. „Aber es steht ja auch drauf: Kinderschokolade.“

Überhaupt hätten große Konzerne längst die Deutungshoheit, findet Rether, während sich der Rest der Gesellschaft einer Art des Kapitalismus unterordnet, in der Stille und Leere die letzten verbliebenen Tabus sind. Aber Hauptsache, es laufen Sex und Gewalt schon im Vorabendprogramm. Dabei weiß der Mensch doch ganz genau, was er tut. Oder müsste es eigentlich wissen.

Überzeugter Veganer

Aber mal im Ernst: „In der Masse übernimmt keiner Verantwortung.“ Auch nicht, wenn es um die Nutztierhaltung geht, bekanntermaßen eines von Rethers Lieblingsthemen. „Ich mache so lange Kabarett, bis Fleisch verboten wird“, kündigt er provokant an. Dann wird der überzeugte Veganer wohl noch sehr lange arbeiten müssen.

Der Abend mit ihm ist zwar anstrengend. Aber es lohnt sich, denn was Rether zu sagen hat, sollte gehört werden. Am Ende bekommt er tosenden Applaus, obwohl er bei so manchem Zuhörer vermutlich ein ziemlich schlechtes Gewissen verursacht hat.