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Konzentriert und akribisch: der Maestro bei der Arbeit in Berlin.  Foto: Rittershaus 

Halsbrecherisch virtuos: Schönbergs Violinkonzert und Tschaikowskys Fünfte im Festspielhaus

Baden-Baden. Die Osterfestspiele in Baden-Baden präsentieren Höhepunkte Schlag auf Schlag. Einen ganz besonderen Konzertabend gab es im Festspielhaus mit der Aufführung von Arnold Schönbergs Konzert für Violine und Orchester (op. 36) und – welch unerhörter Kontrast – von Peter Iljitsch Tschaikowskys Sinfonie Nr. 5 in e-Moll (op. 64).

Wovon sollte der beeindruckte Rezensent zuerst berichten? Vom Spiel eines der besten Sinfonieorchester der Welt, den Berliner Philharmonikern? Von ihrem Dirigenten, dem grandiosen Kirill Petrenko? Oder von der wahnwitzig virtuosen Geigerin Patricia Kopatchinskaja? Ladys first!

Die technischen und musikalischen Anforderungen des um 1937 entstandenen, von Schönberg modern-zwölftönig komponierten Violinkonzerts sind unglaublich. Hilary Hahn, die das Werk 2008 auf CD einspielte, benötigte nach eigenem Bekunden mehrere Jahre bis zur Aufführungsreife. Wie lange die Kopatchinskaja dazu brauchte, ist nicht bekannt. Jedenfalls hat die junge Violin-Virtuosin aus der Republik Moldau in kaum drei Jahren einen kometenhaften Aufstieg hingelegt und zeigte im Festspielhaus, wozu sie in der Lage ist. Die lyrische Intensität und Zartheit, mit der die Solistin musizierte, war fantastisch. Die irreal hohen Flageoletts waren lupenrein, die bewältigten Doppel-, Tripel-, und Vierfachgriffe halsbrecherisch. Eine solche Geschmeidigkeit im Umgang mit der vertrackten Technik erlebt man kein zweites Mal.

Filigran und präzise

Im Kopfsatz war, wie von Schönberg angedeutet, der Gesang einer chinesischen Nachtigall zu hören. Später auch das traumverlorene Zirpen einer provenzalischen Cigale. Selbst in rasant zupacken-den Passagen blieb das Solospiel filigran und präzise. Mit den von Petrenko einfühlsam geleiteten Philharmonikern fand die Solistin souveräne Partner, die keine knirschende Zwölfton-Maschine vorführten, sondern einen beredt musikalischen Organismus. Auch in ihrer Zugabe, einem Satz aus Darius Mihauds „Le voyageur sans bagage“, agierte die Geigerin wie eine zum Leben erweckte Figur aus Marc Chagall-Gemälden – im weißen Brautkleid, ihren schlanken Körper beim Streichen der Fidel verbiegend, barfuß hüpfend und tanzend.

Nach der Pause eine extrem andere musikalische Welt: Melancholisch grundiert, mehrfach sich orchestral wuchtig aufbäumend, interpretierten die Berliner Tschaikowskys Fünfte. Sinnlich weich der von tiefen Klarinetten und dunklem Streicherklang getragene Trauermarsch des einleitenden Andantes, leidenschaftlich die erregenden Steigerungen mit einem Klang, der das Gehör betört. Im folgenden Andante cantabile sang das Solohorn mit feiner, musikalisch umgesetzter Poesie, der am Satzende ein gewaltiger Ausbruch der Orchester-Tutti entgegengestellt wurde. Walzerselig schmeichelte der dritte Satz, wobei der Klangfarben-Charme der Interpretation beglückte. Das Finale, in dem sich das von Tschaikowsky so benannte Schicksalsthema voll entfaltet, mündete in einen von rhythmischen Energien getriebenen, alles übertönenden Triumphmarsch.

Im jubelnden Applaus des Publikums blieb unklar, wem die Krone gebührte – dem hinreißenden Orchester oder seinem drahtig munteren Maestro am Pult. Gott weist es von sich, ein Dirigent zu sein. Manchem Pultstar scheint freilich der Umkehrschluss unbekannt. Kirill Petrenko ist für einen Gottvater viel zu bescheiden. Aber er dirigierte göttlich.