nach oben
Johannes Blattner ist seit einem Jahr in Pforzheim –  und wird der Compagnie auch in der neuen Saison erhalten bleiben. Foto: Seibel
Johannes Blattner ist seit einem Jahr in Pforzheim – und wird der Compagnie auch in der neuen Saison erhalten bleiben. Foto: Seibel
15.07.2016

Harter Job für wenig Geld: Professioneller Tänzer am Theater Pforzheim

Professioneller Tänzer am Theater zu sein ist kein gewöhnlicher Beruf. Wie wird man einer und wie lebt es sich damit? Das weiß Johannes Blattner.

Wenn die Tänzer des Balletts Pforzheim auf der Bühne zu sehen sind, stehen sie im Rampenlicht – extrovertiert und mit vollem Körpereinsatz. Trotzdem gibt es in ihrem Beruf und in ihrem Leben viele Dinge, die unbekannt sind. Die PZ hat nachgefragt: bei Johannes Blattner (28), der seit vergangenem Jahr zur Compagnie gehört – und auch in der kommenden Saison noch dabei ist.

Warum wird man Tänzer?

Johannes Blattners Karriere ist außergewöhnlich. Er hatte seine erste Tanzstunde mit 14 Jahren. Damals hat ihn eine Freundin gefragt, ob er nicht Lust habe, mit ihr einen Tanzkurs zu machen. Blattner stimmt zu: „Das hat mir so Spaß gemacht, dass ich mich weiterentwickeln wollte“. Er spielt und tanzt bei einer Theateraufführung von „Dirty Dancing“ die Hauptrolle – und steht vor der Frage, ob das Tanzen sein Beruf werden soll. Nach dem Abitur arbeitet Blattner in der Gastronomie – und tanzt sich abends durch die Kurse einer Stuttgarter Tanzschule. „An den Tagen, an denen ich nicht getanzt habe, war ich einfach frustriert.“ Das Ziel steht jetzt fest: Tänzer werden.

Wo ist eine Ausbildung möglich?

Ein Tanzstudium wird in Deutschland an manchen Kunsthochschulen angeboten wie zum Beispiel der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Mannheim. Daneben gibt es mit der Ballettschule des Hamburg Ballett oder der Stuttgarter John Cranko Schule zwei renommierte Lehranstalten. Eine Ausbildung ist aber auch an vielen privaten Tanzschulen möglich. Hier ist der Unterricht meist breiter aufgestellt und enthält mehr Elemente von Jazz und auch Hip-Hop. Johannes Blattner hat seine Ausbildung bei einer solchen Schule in Freiburg absolviert.

Wie läuft so eine Ausbildung ab?

Blattners Ausbildung hat circa 400 Euro pro Monat gekostet. Nebenher zu arbeiten ist fast unmöglich. „Manche meiner Kollegen haben das versucht, aber man braucht die Erholung nach dem Unterricht einfach“, sagt Blattner, der von seinen Eltern finanziell unterstützt wurde. Denn das Pensum ist hart. Jeder Tag beginnt mit je anderthalb Stunden Ballett, dann Jazz-Dance und zeitgenössischem Tanz. Danach eine Stunde Tanz in einem weiteren Stil. Dazu kommen Auftritte und weitere Projekte. Blattners Ausbildung hat drei Jahre gedauert. Er ist „staatlich anerkannter Tanzpädagoge und Bühnentänzer“.

Was kommt danach?

„Da sitzt man erst mal auf der Straße und hat nix“, sagt Blattner. Meistens folgt auf den Abschluss eine Zeit als Freiberufler. Bei Blattner waren es zwei Jahre. „Am wichtigsten ist der erste Auftrag nach der Ausbildung“, sagt Blattner. Er wurde vom Theater Bonn engagiert. So beginnt seine Karriere. „Man lernt dann andere Tänzer kennen. Mancher unterrichtet, einer wird krank und man kann einspringen, dann werden Tänzer für eine neue Produktion gesucht“, schildert er. So auch bei ihm. Er reist mit der Musicalparodie „49½ Shades!“ von Düsseldorf über Zürich nach Hamburg, lebt von Auftrag zu Auftrag. „Ich wusste manchmal Mitte August nicht, was ich Anfang September machen werde“, sagt er. Doch das Nomadenleben ist vorbei mit seinem ersten festen Engagement.

Wie bekommt man ein festes Engagement?

Die Plätze in einer Compagnie sind heiß begehrt. Auf die insgesamt neun Stellen des Pforzheimer Balletts, die im vergangenen Jahr zu vergeben waren, haben sich 780 Tänzer beworben. Rund 70 wurden nach Pforzheim eingeladen. Darunter Blattner. Dann beginnt das Vortanzen: Erst Ballett, dann zeitgenössischer Tanz, dann eine Partnerübung. Mit jeder Runde verkleinert sich das Feld. Am Ende ist Blattner Teil der Pforzheimer Compagnie.

Wie lang kann man tanzen?

Einem Tänzer bleiben nach der Ausbildung meist rund zehn gute Jahre, in denen er topfit ist. Wegen dieser kurzen Spanne war es für Blattner auch eine wichtige Frage, ob er den Zwei-Jahres-Vertrag in Pforzheim annehmen soll. „Das hat sich so lang angefühlt“, sagt er. „Die Tanzwelt ist so schnell. Da ergeben sich neue Projekte und Chancen manchmal ganz spontan.“

Was kommt danach?

Ein Tänzer weiß, dass sein berufliches Leben aus zwei Teilen besteht: aus der aktiven Zeit und dem Leben danach. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Manche Tänzer bleiben am Theater und bilden sich weiter. Zum Beispiel zum Maskenbildner oder Inspizienten. Viele geben auch Unterricht oder werden Choreografen – oder machen etwas ganz anderes.

Wie wird der Beruf bezahlt?

Dass der Tänzerberuf keiner ist, um reich zu werden, weiß Blattner. Für die vergangene Saison gilt, was Intendant Thomas Münstermann im Gespräch mit der PZ gesagt hat: „Die Ballettmitglieder haben eine Mindestgage von 2450 Euro, wenn sie Gruppentänzer sind.“ Das ändert sich aber für die neuen Compagnie-Mitglieder. Schuld ist der Sparkurs der Stadt. „Es gibt ein Schlupfloch: Wenn diese Tänzer Solisten sind, können die Verträge frei verhandelt werden“, sagt Münstermann. Künftig würden diesen 450 Euro weniger bezahlt. Kommt man mit so einem Gehalt generell über die Runden? „Ich kann von meinem Gehalt gut leben, aber ich habe kaum Möglichkeiten Rücklagen zu bilden oder gar in ein Auto oder Eigenheim zu investieren.“