760_0900_97026_SWDKO_Alexander_Mayer_4.jpg
Zupackendes Dirigat: Alexander Mayer nutzt Hände und Arme als Ausdrucksmittel, hier beim Konzert am Donnerstagabend in der Schloßkirche. Foto: Ketterl

„Ich dirigiere mit allem, was ich habe“: Alexander Mayer will SWDKO-Chef werden

Wenn das Pforzheimer Konzertpublikum abstimmen dürfte, hätte der 1973 geborene Mayer gute Karten: Vor allem begeisterte am Donnerstagabend das gebotene Standardprogramm, das er in kurzer Probenzeit mit den Südwestdeutschen erarbeitet hat – was freilich ein wenig an Klassik-Radio-Gepflogenheiten und populäre Ohrwürmer erinnerte.

In Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“ (KV 525) musizierte das Orchester unter Mayers Leitung, als wäre das Stück mit seinem Serenaden-Schwung, seinen feinen Pianissimi und temperamentvollen Forte-Akzenten etwas ganz neu Erfundenes. Edward Elgars „Elegie op.58“ kam als sinnlich-weiches, breit ausgezogenes Adagio daher, in dem die Orchesterfarben melancholisch leuchteten. Und Antonín Dvoráks Serenade E-Dur (op.22) bot romantische Klangpoesie vom Feinsten. Zum Abschluss gab es eine Novität: das Streichorchester-Stück „Milky Way“, das der litauische Komponist Arvydas Malcys 2004 als Blick in den endlosen Milchstraßen-Sternenhimmel geschaffen hat. Die PZ hat sich mit dem Bewerber unterhalten.

PZ: Herr Mayer, nicht nur Barock-Ensembles kommen häufig ohne Dirigenten aus. Brauchen die 14 Streicher eines Kammerorchesters einen Chef am Pult? Genügt nicht ein Konzertmeister?

Alexander Mayer: Ha, ha, ha! Zuerst eine praktisch-technische Antwort. Ein Programm, wie wir es heute hatten, in zwei kurzen Proben vorzubereiten und zu koordinieren, wäre ohne Dirigenten ökonomisch undenkbar. Auf der anderen Seite, bei einer langen vorausgegangenen Probenphase, könnte natürlich der Konzertmeister die Leitung übernehmen. Kein Problem. Das Zweite ist die künstlerische Frage. Ein Instrumentalisten-Kollektiv von 14 Leuten muss sich gemeinsam in die interpretatorische Tiefe hineinbegeben und einigen. Das geht kaum ohne Führung. Wunderbare spontane Momente, über die ich mich bei den Südwestdeutschen gefreut habe, müssen vom Dirigenten zusammengeführt werden.

Wie man beim Konzert bemerken konnte, verfügen Sie über eine intensive Körpersprache.

Ja, danke, das nehme ich als Kompliment.

Hat das Dirigieren auch eine optische Komponente, um das Publikum zu beeindrucken?

Entschieden nein. Der körperliche Ausdruck gilt nur den interpretierenden Musikern. Ich muss Ihnen sagen, dass ich auch nach drei Stunden Probe körperlich fertig bin. Ich dirigiere mit allem, was ich habe. Hände und Arme sind meine primären Ausdrucksmittel. Auch der Augen-Kontakt ist mir wichtig. Dirigieren ist eine sehr individuelle Sache.

Ist neben den musikalischen Erfordernissen bei der Leitung eines Orchesters auch die Men-schenführung im Ensemble von Bedeutung? Sind Sie ein Orchester-Erzieher?

Ja, sehr. Ich muss im positiven pädagogischen Sinn eine Art Erzieher sein. Das ist mein Job. Ich bestehe auf bestimmten Verhaltensweisen und Dingen. Dazu braucht es auch Mut. Das gehört zu meiner Verantwortung als Dirigent.

Welche Intentionen verfolgen Sie bei der Programm-Auswahl?

Ich muss Musikern, die mit den heute im Konzert gebotenen Werken groß geworden sind und damit eine lange Tradition verbinden, auch zeigen, dass ich sie dazu immer noch neu motivieren und eine gewisse Frische vermitteln kann. Deshalb habe ich für meine Bewerbung ein Standard-Programm zusammengestellt.

Nicht nur bei der Wiedergabe von Mozarts „Kleiner Nachtmusik“ konnte man beobachten, wie Sie mit dem Kirchenhall umzugehen verstehen und damit spielen. Beeinflussen räumliche Gegebenheiten die Interpretation?

Das freut mich, dass Sie das bemerkt haben. Ich bin ja auch Organist und habe vor meiner Dirigenten-Ausbildung Kirchenmusik studiert. Deshalb musiziere ich gern in Kirchen und bin mit deren Akustik sehr vertraut.

Was hat Sie bewogen, sich für den Chefdirigenten-Posten eines kleinen Kammerorchesters zu bewerben?

Nach neun Jahren in der Schweiz beim „Ensemble Symphonique Neuchatel“ bin ich auf der Suche nach neuer Verantwortung. Deshalb war es für mich selbstverständlich, mich für eine Position, die bei einem so renommierten Orchester wie dem SWDKO frei wird, zu interessieren.