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Porträt des Markgrafen Karl Wilhelm von Baden-Durlach aus der Werkstatt von Johann Ludwig Kisling, um 1775.   Badisches Landesmuseum
Porträt des Markgrafen Karl Wilhelm von Baden-Durlach aus der Werkstatt von Johann Ludwig Kisling, um 1775. Badisches Landesmuseum
Im Zentrum steht der Schlossturm, wo die 32 Strahlen beginnen: Prospekt der Residenzstadt Karlsruhe von Heinrich Schwartz aus dem Jahr 1721.
Im Zentrum steht der Schlossturm, wo die 32 Strahlen beginnen: Prospekt der Residenzstadt Karlsruhe von Heinrich Schwartz aus dem Jahr 1721.
Karl Wilhelm war ein starker Raucher.
Karl Wilhelm war ein starker Raucher.
16.07.2015

Im PZ-Forum spricht Claudia Baumbusch über Markgraf Karl Wilhelm

Es ist revolutionär, was Markgraf Karl Wilhelm in Pforzheim durchsetzt: 1716 gründet er im ehemaligen Dominikanerinnenkloster ein Landeswaisenhaus, das nicht nur die elternlosen Kinder seiner gesamten Markgrafschaft beherbergt, sondern auch Kranken und Siechen eine Herberge bietet. Doch damit nicht genug: Der absolutistische Herrscher regt die Zöglinge an, sich in der Zucht von Seidenraupen und der Tuchmacherei zu versuchen – allerdings mit mäßigem Erfolg.

Offensichtlich, weil nur wenige der Anstaltsbewohner den Arbeitsanforderungen gerecht werden. Nur zwei Jahre später setzt er um, was er an neuen Erkenntnissen bei seinen Reisen in die Niederlande gewonnen hat: Er gliedert dem Waisenhaus ein landeseigenes Zuchthaus an, wo insbesondere Schwerverbrecher durch Erziehung zur Arbeit geläutert werden sollen. „Die gut gemeinte Resozialisierungsidee“, so Claudia Baumbusch in ihrem Vortrag im PZ-Forum, „scheitert allerdings an den grauenvollen, auch bautechnisch bedingten Zuständen in dem überbelegten Pforzheimer Gefängnis.“

Wesentlich erfolgreicher ist Karl Wilhelm (1679 bis 1738) allerdings mit einer anderen Idee: In der unbesiedelten Rheinebene nahe seiner im Pfälzischen Erbfolgekrieg weitgehend zerstörten Residenz Durlach legt er inmitten des markgräflichen Jagdwalds den Grundstein für einen Neuanfang. Und zwar einen spektakulären: Nach den Regeln eines idealisierenden Ordnungsprinzips und dem Vorbild von Versailles erhebt sich in der Mitte der Anlage der Schlossturm. Von hier führen 32 Straßen wie die Strahlen einer Sonne vom Zentrum weg. Gegenüber der weitläufigen Garten- und Parkanlage entsteht die Stadt „Carlos’ Ruhe“, zweigeschossig sind die dem achteckigen Schlossturm am nächsten gelegenen Verwaltungsgebäude, eingeschossig die Wohnhäuser – allesamt aus Holz gebaut. Karl Wilhelm lockt die Einwohner mit Privilegien, mit wirtschaftlichen Anreizen und persönlichen Freiheiten – solange sie ihre Häuser nach seiner Vorstellung einheitlich gestalten. Und hier hat er Erfolg: 1720 sind bereits 135 Bürgerhäuser erbaut, die Einwohnerzahl Karlsruhes steigt von 1994 im Jahr 1719 auf 2652 im Todesjahr des Markgrafen.

Grund genug für die heute fast 300 000 Einwohner zählende Stadt, dieses Datum mit einer Reihe von Veranstaltungen und der Großen Landesausstellung über Karl Wilhelm zu feiern. Einen Herrscher, der einerseits kampferprobt im Spanischen Erbfolgekrieg (1701 bis 1714), hochgebildet durch regelmäßigen Unterricht (bis zu 45 Wochenstunden) und einer langen Reihe von „Prinzenreisen“, wirtschaftlich enorm fortschrittlich denkend, sich andererseits auch einer ganzen Reihe von Vergnügungen hingibt: Da ist die 25 Meter lange Jacht, die ständig im Karlsruher Hafen bereitliegt, um ins Landhaus im niederländischen Harlem zu segeln. Da sind die 6000 Pomeranzen- und Zitronenbäume, die den Schlossgarten zieren – samt veritablem Tiger. Da ist der starke Raucher, dessen Nachlass 73 Pfeifen und 342 Päckchen Tabak verzeichnet. Und der 1718 sogar eine Tabakmanufaktur gründet. Eine weitere verlustreiche Aktion, ist doch der Tabak von so schlechter Qualität, dass den Rauchern schwindelig wird.

60 Hofsängerinnen

Aber vor allem ist Karl Wilhelm nicht nur ein Freund exotischer Blumen und aller Arten von Tulpen, sondern auch zahlreicher weiblicher Wesen. Bis zu 60 Hofsängerinnen, häufig als „Tulpenmädchen“ bezeichnet, beschäftigt er im Schloss. Und seine Beschäftigung mit ihnen sorgt immerhin dafür, „dass rund 20 kleine Carls und Carlinas das Licht der Welt erblicken“, schildert Claudia Baumbusch. Die Ehe mit Magdalene Wilhelmine von Württemberg ist alles andere als glücklich – und Karl Wilhelm immer mal wieder heftigst verliebt. Etwa in seine jahrelange Mätresse Eberhardine Luise von Massenbach. Für die setzt er sogar einen Liebesvertrag auf, in dem sie bestätigen muss, dass sie nur den Markgrafen lieben und nie eine andere Ehe eingehen werde.

Karl Wilhelm führt das opulente Leben eines barocken Herrschers. Am 12. Mai 1738 stirbt er im Alter von nur 59 Jahren nach einem zweiten Schlaganfall unter „diefen Seüffzern“ in seinem Schlafgemach. Einen Tag später wird er obduziert. Seine Eingeweide und sein Herz werden noch in der Nacht nach Pforzheim geschickt und in der Familiengruft in der Schlosskirche beigesetzt. Sein Leichnam wird nach seinem letzten Willen in der Gruft der Karlsruher Konkordienkirche beigesetzt, an deren Stelle seit 1825 die von Friedrich Weinbrenner geschaffene Grab-Pyramide steht.