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So eine Hochzeit kann eine ziemlich feucht-fröhliche Angelegenheit werden. Das muss auch die Braut Hermia (Caroline Junghanns, Mitte) feststellen. Foto: Schmidt
So eine Hochzeit kann eine ziemlich feucht-fröhliche Angelegenheit werden. Das muss auch die Braut Hermia (Caroline Junghanns, Mitte) feststellen. Foto: Schmidt
03.02.2016

In Stuttgart hat die Oper „The Fairy Queen“ Premiere gefeiert.

Auf den ersten Blick kommt die neue Inszenierung von Purcells „Fairy Queen“ am Staatstheater Stuttgart ganz lebendig daher. Münder kreischen oder spucken Schnaps, Körper zucken oder kopulieren, Hände werfen Erde durch den Raum – und unter vielen Metern Frauenkleid verbirgt sich fast immer ein Mann.

Eine tolle Show also. Aber bloß oberflächlich. Denn die große Langeweile, die hinter der Inszenierung von Calixto Bieito immer wieder hervorlugt, hat einen einfachen Grund: der spanische Regisseur hat kein theatralisches Werk auf die Bühne gebracht. Eine wissenschaftliche Idee ist es, die er in der rund dreistündigen Produktion umsetzt.

Sie geht ungefähr so: Das Werk des englischen Barockkomponisten Henry Purcell ist eine „semi-opera“, eine Halb-Oper also. Sprechendes Theater und musikalische Einlagen sind getrennt. Wenn jemand singt, dann ist er in den meisten Fällen eine Allegorie, ein Fabelwesen – oder besoffen. Denn dass normale Menschen auf der Opernbühne eben singend sprechen, das ist eine Idee, die der englische Geist erst spät erträgt. So erklingt die Musik der „Fairy Queen“ dort, wo der Gang der Geschichte von nebulösen Einsprengseln durchbrochen wird. Ein gesungenes Wort muss ein verrücktes sein. Wo Sagengestalten die ohnehin schon kaum durchschaubare Handlung der „Sommernachtstraum“-Adaption bevölkern, Menschen zu Eseln werden, sich die vier Jahreszeiten einen Wettstreit liefern – oder Affen und Chinesen die Bühne bevölkern. Ja, es ist eine Freakshow – das macht auch Bieitos Inszenierung deutlich, die mit der Vorlage um den exaltiertesten Einfall konkurriert. Die mit jedem neuen Accessoire der Verrücktheit – mit Dildos, Discokugel oder Hirschgeweih – mit noch dickerem Pinsel ihre Botschaft verkündet, und dabei die Zwischentöne nicht zur Geltung bringt.

Immer ist alles grell, die Hochzeit ein ständiger Tanz oder ein Versinken im Boden vor Kummer. Dass da die einzelnen Bilder, die Stimmungsminiaturen der Musik subtil die Handlung kommentieren, fällt unter den Tisch. Denn die lärmende Bildersprache, das Hopsen und Kreischen und Schreien, hat schon längst für Übersättigung gesorgt. Schade. Denn die musikalische Gestaltung des Orchesterparts gelingt dem Alte-Musik-Spezialisten Christian Curnyn beachtlich. Mit den Musikern des Staatsorchesters Stuttgart – verstärkt durch eine barocke Continuo-Gruppe – bringt er die eigenwilligen Wendungen der Purcell’schen Musik zum Leuchten. Hier glimmen die Zwischenfarben auf, die im Schwarz-Weiß der Inszenierung erstickt sind.

Aus dem anständigen Gesangsensemble ragt Mark Milhofer heraus, der seine verschiedenen Rollen mit Bravour und kristallklarer Höhe zum Leben erweckt. Die musikalischen Höhepunkte liegen auf seiner Seite. So „One Charming Night“ – der Auftritt der „Geheimnis-Königin“ – oder das wunderbar humoristische Duett zwischen Coridon und Mopsa. An dem hat auch der Schauspieler Johann Jürgens Anteil, der seinen Gesangspart sehr respektabel präsentiert. Denn die Regie hat auch manchem Schauspieler Gesang in den Mund gelegt – das erweist sich selten als gelungen.

Dialoge voller Humor

Das Schauspielensemble um Titania (Susanne Böwe) und Oberon (Michael Stiller) sorgt aber außerhalb der musikalischen Partien für die weitaus angenehmsten Akzente. Hier, in den handlungsbezogenen Teilen, die an Shakespeares „Sommernachstraum“ angelehnt sind, wirkt Bieitos Regie sinnvoller, verbindet sie die losen Versatzstücke doch durch die subtile Textauswahl zu einem humoristischen Ganzen. Hier, in der Personenzeichnung des Schauspielensembles, gelingt es Bieito, mit der hysterischen Helena (Hanna Plaß) oder dem schelmischen Puck (Maja Beckmann) echte Typen statt Karnevalsmasken zu zeichnen. Aber auch sie verirren sich in diesem hysterischen Abend, der immer den einen Nervenkitzel an den anderen hängt – und genau darum nicht mehr wirken kann.