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Überzeugende Texte und Melodien: Carsten Langner.  Frommer
Überzeugende Texte und Melodien: Carsten Langner. Frommer
24.03.2016

In bester Liedermachertradition: Carsten Langner spielt bei Prisma

Pforzheim. Zeit, umzudenken: Wer glaubte, Liedermacher wachsen nicht mehr nach, kennt den Kieler Carsten Langner nicht. Der 28-jährige Sänger und Gitarrist besitzt tatsächlich alle Qualitäten, die einen Liedermacher ausmachen: exzellente Fingerpicking-Technik, eine eingängige, schöne Stimme, die gleichermaßen an Reinhard Mey und Hannes Wader erinnert, und die Begabung, deutsche Texte sowohl mit erfrischender Selbstironie, als auch mit nachdenklicher Kritik exakt auf den Punkt zu bringen.

Freiheit nicht einschränken

Natürlich kann Carsten Langner bei seinem Gastspiel im Folk-Club Prisma die schockierenden Bombenattentate in Brüssel nicht ignorieren. Ans Publikum gewandt, macht er deutlich: „Ich habe lange überlegt und mich dann entschieden, alles so zu machen wie geplant. Nicht trotz der Anschläge, sondern gerade deswegen“. Jede Einschränkung europäischer Werte wie Freiheit, Kultur und Spaß brächte nur die Terroristen ihrem Ziel näher. Unmittelbar nach diesem Statement – und in Kontrast dazu – platziert Carsten Langner sein angenehm getragenes Liebeslied „Durch Dich“.

Ähnlich ausführlich moderiert er die Songs „Googlediagnostik“ und „Das alte Spiel“ an. Unmittelbar vor „Mein Heimatland“ zeigt er wieder klare Kante: „Wer prinzipiell ein Problem mit Flüchtlingen hat, ist in meinen Konzerten fehl am Platz“. Und in seinem Lied „Keine Wahl“ fordert er, auch gegen falsche Patrioten aufzubegehren: „Wo wir schweigend dulden soll’n, lasst uns zeigen, was wir woll’n.“

Seine Wort-Kreationen und -kombinationen sind oft einen zweiten Blick wert: „Bonusaasfresser“ etwa, oder „Glücks-Kokon“ und „Treue-Terroristen“. In der zweiten Konzerthälfte konzentriert Langner die Seitenhiebe auf allzu seichte Schlager, auf den verpassten Augenblick abzutreten und auf die mit „aber“ beginnenden Ratschläge aus dem Publikum. Als zweite und letzte Zugabe präsentiert Langner seine Vertonung des Textes „Ich hab‘ den Sommer erfahren“ von Manfred Hausin. Carsten Langner hat stimm- und textlich die Qualität von Mey, Roski und Wader. Nur die Sende-Formate, die alle „großen Alten“ der deutschsprachigen Protestsong-Szene zum Einstiegserfolg verholfen haben, fehlen dem jungen Liedermacher (noch).