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Angst vor Repressalien: die beiden türkischen Verlegerinnen Inci Bürhaniye und Selma Wels (links) bei der von Reinhard Kölmel moderierten Podiumsdiskussion im Kulturhaus Osterfeld.   Frommer
Angst vor Repressalien: die beiden türkischen Verlegerinnen Inci Bürhaniye und Selma Wels (links) bei der von Reinhard Kölmel moderierten Podiumsdiskussion im Kulturhaus Osterfeld. Frommer
24.09.2015

Inci Bürhaniye und Selma Wels aus Pforzheim haben einen Verlag gegründet

Türkische Literatur zu Gast im Kulturhaus Osterfeld: Die aus Pforzheim stammenden Verlegerinnen Inci Bürhaniye und Selma Wels stellten sich auf der Bühne des gut besuchten Malersaals den Fragen von Reinhard Kölmel, ehemals Lehrer der beiden.

Die Schwestern haben vor vier Jahren in Berlin-Kreuzberg den Verlag Binooki gegründet. Sie fördern mit ihren deutschsprachigen Publikationen auch Autoren, deren Werke in der Türkei mit Argwohn beäugt oder gar nicht erst gedruckt werden. Melanie Kalcher und Fritz Schönthaler (beide vom Amateurtheaterverein Pforzheim) lasen ausgesuchte Passagen aus Werken von Metin Eloglu („Fast eine Geschichte“), Alper Canigüz („Söhne und siechende Seelen“), Emrah Serbes („Junge Verlierer“) und aus Hakan Gündays „Der erste geklonte Staatspräsident und seine Tragödie“.

Gerade die zeitgenössische Erzählung, bislang nur auf Deutsch und in der Binooki-Anthologie „Gezi“ erschienen, offenbart eine verblüffende Fiktion, in der Günday 2013 zwar mit Ironie auf die Bürgerproteste und den überzogenen Polizeieinsatz auf dem Taksim-Platz und im angrenzenden Gezi-Park abhebt, deren Handlung aber auch im homophoben Regime Putins, wie in vielen anderen Ländern mit autoritären oder undemokratischen Regierungen, spielen könnte.

Der im Osterfeld vorgetragene Text „Der erste geklonte Staatspräsident und seine Tragödie“ lässt schmunzeln, denn der von Günday beschriebene Präsident erfährt von seinem Gesundheitsminister, dass der gegen die Demonstranten veranlasste Gaseinsatz unerwartete Nebenwirkungen hat: Die Aufmüpfigen seien durch den Kontakt mit der Chemikalie unsterblich geworden, während man selbst weiter altere.

Natürlich lässt der Präsident das Gas umgehend sicherstellen – für einen Selbstversuch.

Wie es denn mit der Meinungs- und Pressefreiheit und mit der Freiheit der Kunst in der Türkei gegenwärtig stünde, will Reinhard Kölmel dann von Selma Wels wissen. „Die Presse ist sehr regierungsnah. Die Kunst hält noch durch“, antwortet die junge Verlegerin beherzt. Und: „Die Regierungsstellen verstehen vieles auch nicht. Meine Einschätzung ist: Wir stehen kurz vor einem Bürgerkrieg, ,Gezi’ wird nicht in der Türkei erscheinen“.

Argwöhnisch beobachtet

Gemeinsam mit ihrer Schwester schildert Selma Wels, dass allen regierungskritischen Autoren in der Türkei latent Sanktionen und Haft drohen und dass auch sie als Verlegerin argwöhnisch betrachtet werden: „Man kann mit seinen Autoren am Telefon ohnehin nicht offen sprechen, da man nicht weiß, was abgehört wird.“ Dennoch haben Bürhaniye und Wels den Schritt, den Verlag zu gründen, nie bereut. Sie verlegen übrigens auch Autorinnen, und im Herbst wird mit „Deliduman“ ein neues Buch von Emrah Serbes auf Deutsch erscheinen. Das Binooki-Verlagsprogramm bot Buchhändler Uwe Mumm im Osterfeld an, und die Deutsch-Türkische Vereinigung 2010 umrahmte den geselligen Nachhall der gelungenen Podiumsdiskussion mit türkischen Speisen und Weinen.