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Poppea (Anna-Maria Kalesidis) ist die Geliebte von Kaiser Nero. Um ihn ganz für sich zu haben, setzt sie alle Regeln der Verführungskraft ein – und hat am Ende Erfolg.  Haymann
Poppea (Anna-Maria Kalesidis) ist die Geliebte von Kaiser Nero. Um ihn ganz für sich zu haben, setzt sie alle Regeln der Verführungskraft ein – und hat am Ende Erfolg. Haymann
02.11.2015

Inszenierung des Barockstücks überzeugt: „Krönung der Poppea“ feiert Premiere

Andere Herrscher regieren vom Throne aus. Aber Poppeas Thron ist das Bett. Von dort aus herrscht sie – und ihre Macht ist die Verführung. Denn wegen Poppea, seiner Geliebten, stürzt der römische Kaiser Nero sein Reich ins Chaos.

Er lässt alte Freunde ermorden, verstößt die Getreuen, vertreibt seine Gattin – und krönt am Ende Poppea zur Neuen. Diese „Krönung der Poppea“ von Claudio Monteverdi lebt von der explosiven Handlung. Das Theater Pforzheim hat sie sich für seine zweite Opernpremiere ausgesucht – und damit einen faszinierenden Theaterabend auf die Beine gestellt.

Unverständlicher Text

Aber eine Entscheidung, eine grundlegende, erweist sich als schwierig. Das frühbarocke Werk lebt von der Genialität seines Aufbaus, durch seine messerscharfen Dialoge und die Folgerichtigkeit seiner Handlung. Weil sie so im Fokus steht, muss sie – so scheint es – um jeden Preis verständlich sein. Keine fremde Sprache wie das originale Italienisch soll da das Personenspiel verdunkeln. Deswegen haben sich Regisseur Alexander May und sein Team für eine deutsche Fassung entschieden. Verloren ist damit viel – aber gewonnen nur wenig. Denn die dramatische Sprache Monteverdis lebt nicht von der Stringenz musikalisch eigenständiger Nummern, sondern gerade von der minuziösen Darstellung des (Original)-Textes – jedes Worts und jeder Silbe. Die Sprache selbst ist hier Gesang geworden. So wirkt die deutsche Fassung den aus dem Italienischen geborenen melodischen Bögen wie aufgesetzt – da sind Betonungen falsch platziert und Satzmelodien stolpern dahin. Zur Verständlichkeit – erklärtes Ziel dieser Entscheidung – aber ist wenig getan. Undeutlich erreichen die Sätze das Publikum, und ein Blick ins Programmheft hilft zur Handlungsorientierung meist weiter als der Versuch, den Worten des Gesangs zu folgen.

Dass der Abend trotzdem zum Erfolg wird, ist der Inszenierung Alexander Mays zu verdanken, auch der beeindruckenden Sicherheit des Gesangensembles – und einer ausgefeilten Kostümsprache, die die Sinnenwelt der antiken Handlung aufs Schlüssigste in ein Kleidungskonzept übersetzt. Denn gerade im Verbund mit Mays Personenregie entwickelt sich durch Kostüm und Bühne (David Gonter) eine farbige Üppigkeit, die die Handlung schon für sich zum Leben erweckt. Die Sphäre des antiken Kaisertums haben May und Gonter lose mit der Glitzerwelt neuzeitlicher Stars und Sternchen parallelisiert. Da wirft Poppea (Anna-Maria Kalesidis) im Monroe-Dress schon mal selbst die Windmaschine an – das Kleid muss schließlich recht verführerisch fliegen. Ottavia (Danielle Rohr) – die betrogene Gattin – gibt den bonbon-bunten Paris-Hilton-Verschnitt und führt einen quicklebendigen Schoßhund als komödiantischen Höhepunkt mit sich. Generell ist Mays Inszenierung voller Humor – ehrliches Lachen erfüllt immer wieder das leider nur mäßig besetzte große Haus. Besonders das Ende des ersten Aktes – Senecas Lakaien-Schüler wollen den Meister vom Selbstmord abbringen – markiert einen Höhepunkt des Zusammenspiels von Musik, Schauspiel und Kostüm. Voller Faszination hängen die im rot-beigen College-Stil gekleideten Philosophie-Nerds an den Lippen des kiffend-abgeklärten Meisters – und können trotz ihres hysterischen „Neins“ den alten Moralapostel nicht in der Welt halten. Er schlitzt sich den Hals auf und macht den Weg frei für die Verklärung der Poppea.

Am Ende hat sie – die Geliebte – den Kaiser ganz für sich, und lässt sich mit ihm zusammen zum Traumpaar krönen. Hier – im berührenden Schlussduett „Pur ti miro“ – wechselt die Sprache – ohne schlüssigen Grund – ins Italienische und Anna-Maria Kalesidis setzt zusammen mit Johannes Strauß als Nero einen ordentlichen Schlusspunkt unter eine insgesamt beachtliche Gesangsleistung des neuen Ensembles.

Spontaner Ersatz

Besonders stark zeigt sich Natasha Young, die – aus dem Orchestergaben – die Rolle der Drusilla für die erkrankte und nur stumm spielende Franziska Tiedtke singt – mit nur wenigen Stunden Vorbereitung.

Originalklang mit historischen Instrumenten ist erklärtermaßen nicht das musikalische Ziel der Badischen Philharmonie unter GMD Markus Huber. Ungewohnt kantig klingt da teilweise die Holzbläsergruppe im Verbund mit den Streichern – und auch das Elektro-Cembalo will mit seinem klirrenden Klang nicht immer passen. Insgesamt aber zeigt das Orchester eine schlüssige, auch funktionierende Deutung der Partitur. Gekonnte Schattierungen des Streicher-Volumens, eine starke Generalbass-Gruppe und auch mancher – legitimerweise hinzugefügter – Effekt wie leis-zwielichtiges Glissando-Rutschen auf den Streicher-Saiten sorgen für einen auch musikalisch gelungenen Abend. Zusammen mit der lebendigen Inszenierung zeigt sich „Die Krönung der Poppea“ als faszinierendes, kurzweiliges Theater-Ereignis.