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Im Bühnenbild von „Rheingold“: Intendant Thomas Münstermann. Foto: Meyer
Im Bühnenbild von „Rheingold“: Intendant Thomas Münstermann. Foto: Meyer
13.09.2018

Intendant Thomas Münstermann: „Die Oper ist brandaktuell“

PZ-Interview mit Theater-Intendant Thomas Münstermann über Richard Wagners „Rheingold“, einen Zirkusdirektor und ein besonderes Erlebnis.

Wenn sich morgen der Vorhang zur neuen Saison am Stadttheater hebt, erlebt das Haus eine ganz besondere Premiere: zum ersten Mal „Rheingold“. Intendant Thomas Münstermann erklärt seine Überlegungen zur Inszenierung, erzählt seinen ganz besonderen Zugang zum Stück und blickt voraus.

PZ: Wie zeitgemäß ist dieses Spiel um Macht und Liebe, Intrigen und Totschlag? Oder hat die von Wagner transformierte nordische Mythologie heute bestenfalls noch Sagenwert?

Thomas Münstermann: Die Oper ist brandaktuell. Die Dinge, die hier verhandelt werden – dass man die Liebe aufgibt, um stattdessen an materielle „Werte“ zu gelangen –, das sieht man heute im Kleinen wie im Großen. Wie schwierig beides zu haben ist, zeigt Wagner in diesem Werk. Alle Figuren, die mit der Verheißung der Macht in Berührung kommen, verlieren sofort ihre Liebesfähigkeit, aber auch ihre gesellschaftliche Verantwortung. Wofür entscheiden wir uns? Liebe oder Macht? Oder gibt es beides gleichzeitig? Wagner stellt das ziemlich pessimistisch dar.

Im „Rheingold“ spielen keine Menschen mit, dafür Zwerge und Riesen, Götter und Rheintöchter. Wo siedeln Sie diese Geschichte um einen Ring an, der seinem Träger Allmacht verleiht?

Die Götter und die Rheintöchter sind Projektionen, die nicht als überirdische Wesen zu verstehen sind. Sie sind eigentlich ins Große gehobene Abbilder von gesellschaftlichen Erscheinungen. Es sind Menschen in ihrem isolierten Reinzustand. Deshalb geht es nicht darum, wie irgendwelche Götter miteinander verhandeln, sondern es werden um den Alltag reduzierte Normalmenschen gezeigt. Häufig setzen Inszenierungen dies in einen konkreten Zusammenhang, zeigen etwa Göttervater Wotan als Banker. Dann hat man sofort einen gesellschaftlich und politisch verorteten Zusammenhang.

Wie sieht das konkret aus?

Wir haben uns dazu entschieden, angesichts dieses Wusts von Interpretationen, einen anderen Weg zu gehen. Zwar gibt es auch eine Zuordnung, jedoch ohne konkreten politischen Hintergrund. Wir nehmen stattdessen das Typenpersonal eines Zirkus. Da gibt es den Zirkusdirektor und seine Frau, die wahrscheinlich die Dressurreiterin ist. Es gibt Clowns und diejenigen, die dafür sorgen, dass die Dinge an ihren richtigen Platz gelangen. Das ist wie ein Götterzirkus, der sich vor dem Publikum streitet, versöhnt, agiert. Es war mir wichtig, dem Werk eine ganz einfache, direkte Struktur zurückzugeben.

Wagner charakterisiert seine Gestalten sehr eindringlich durch die ihnen zugeordneten Motive. Wie beziehen Sie das in die Inszenierung ein?

Das wird im „Rheingold“ erst entwickelt. Man hört hier die Motive zum ersten Mal, also kann man, wenn beispielsweise das Vertragsmotiv erklingt, einen Zusammenhang noch nicht herstellen. Die Oper ist quasi ein Pilot zum „Ring des Nibelungen“, deswegen muss die Inszenierung zuerst die jeweiligen Motive mit dem Inhalt verknüpfen und für den Zuschauer wahrnehmbar machen, dass es sie überhaupt gibt.

Ist Wotan eigentlich eine tragische Figur oder eher betrogener Betrüger?

Er ist derjenige, der von Anfang an denkt, er kann alles checken. Früh wird ihm durch einen der Riesen gesagt: „Was du bist, bist du nur durch Verträge.“ Wenn er die gesellschaftliche Vereinbarung aufkündigst, dann ist es vorbei mit seiner Macht. Das weiß er, versucht aber, dem zu entgehen, indem er mit einer gewissen Willkür handelt. Aber schon im „Rheingold“ merkt er, so selbstbestimmt kann ich als Göttervater nicht mehr agieren, wenn ich mit den anderen Verabredungen getroffen habe. Loge sagt am Ende vom „Rheingold“, also am Beginn des „Ring des Nibelungen“: „Ihrem Ende eilen sie zu.“ Auf dem Gipfel der göttlichen Machtentfaltung ist schon klar, dieses Gebäude steht auf tönernen Füßen.

Wie inszenieren Sie das „Rheingold“, ohne das Ende der „Götterdämmerung“, mit den unterschiedlichen Deutungen, wie Untergang der Götter oder Neuanfang der Menschheit, im Blick zu haben und anzudeuten?

Am Ende meiner Inszenierung gehen die Götter nach Walhall – und das ist ein Seiltanz. Ob sie auf dem Seil bleiben oder abstürzen, ob das Seil vielleicht sogar eine Zündschnur ist, die ihnen unter den Füßen wegbrennt, wird man sehen. Aber man merkt bereits, dieses für Wotan so wichtige Schloss ist auf Sand gebaut. Und er ist nicht so stark, dass er alles durch sein Göttertum regeln kann. Im Verlauf des „Rings“ wird immer offensichtlicher, dass er ständig – weil die Verhältnisse ihn zwingen – Dinge machen muss, die er eigentlich nicht hätte tun wollen. Er meint, alles in der Hand zu haben, hat aber eigentlich nichts mehr im Griff.

Wer die 14-Stunden-Fortsetzung erleben möchte, welchen „Ring“ würden Sie empfehlen?

Ich habe so viele Inszenierungen gesehen, und es gibt so viele wunderbare Interpretationen. Meist in fantastische Bilder gesetzt. Was mich dabei beschäftigt ist, dass man bei allem interpretatorischen Überbau manchmal die Grundkonstellation der Figuren gar nicht mehr gezeigt bekommt. Eigentlich kann man nicht nur einen „Ring“ empfehlen. Es ist immer wieder faszinierend, was das Werk hergibt. Es ist gar nicht auszuschöpfen.

Auch Ihre Heimatstadt Kassel zeigt die Trilogie …

Das Staatstheater Kassel hat ja eine besondere „Ring“-Geschichte. Es hat von 1972 an die moderne Rezeption eingeläutet. Der Regisseur Ulrich Melchinger hat damals einen „Ring“ gemacht – noch vor Patrice Chéreau und Joachim Herz –, der der damals vorherrschenden Abstraktion ganz konkrete zeitgeistige Bilder entgegengestellt hat. Ein „Pop-Ring“ sozusagen. Die Walküren kamen mit Motorrädern auf die Bühne. Ein Skandal. Ich kann sagen: Ich bin dabei gewesen. Ich habe nämlich im Extra-Chor mitgesungen – 1975 in der „Götterdämmerung“.

„Das Rheingold“ eröffnet ja die neue Spielzeit. Gibt es eine Überschrift, einen verbindenden Bogen?

Wir kreisen um ein Grundthema dieser Stadt: Wie wollen wir miteinander leben? Eine Frage, die sich natürlich überall stellt, aber in Pforzheim zeigt es sich besonders deutlich: Wie kommen wir miteinander zurecht? Wir wollen für den Zuschauer einen Beitrag leisten in dieser Diskussion – nicht nur mit Argumenten, sondern auch mit Erlebnissen und Sinneseindrücken. Das findet sich natürlich nicht in jedem Stück, das wäre auch didaktisch, das wollen wir nicht. Unser Thema bleibt: Die Bürger agieren zusammen mit dem Theater.

Wie wirkt das Haus konkret in die Stadt hinein?

Wir haben das, seit ich hier bin, intensiviert. Das ist jetzt meine vierte Spielzeit. Die aushäusigen Aktivitäten haben jetzt angefangen, so richtig zu greifen. Wir machen so viel wie selten zuvor in der Stadt und Menschen aus der Stadt mit uns. Nicht nur durch die Kulturschaffer, sondern auch durch den starken Einsatz von mobilem Theater in Kindergärten, Schulen und allen möglichen Einrichtungen. Diese Aktionen haben inzwischen eine Häufigkeit und Intensität angenommen, dass es eigentlich danach schreit, dass wir dies finanziell auch gesondert ausgestattet bekommen: Die Stadt braucht dringend ein Kinder- und Jugendtheater. Wir machen das jetzt mit Bordmitteln, kneifen uns das woanders ab. Und wir merken, wir müssten das permanent haben. Wir bemühen uns mit langem Atem, mit Ideenreichtum und auch unternehmerischem Gespür, dafür Strukturen zu finden – auch finanzielle –, die die Stadt an Ausstattungswillen und -vermögen nicht leisten kann.

Was wünschen Sie sich in der neuen Spielzeit vom Publikum?

Bleibt, wie ihr seid, und entwickelt euch weiter!