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Besuch bei der PZ: Maria Ochs (Mitte) schaut Redakteur Simon Walter bei der Arbeit über die Schulter. Mit dabei TV-BW-Chef Jürgen Müller, Kulturressort-Leiterin Sandra Pfäfflin und Chefredakteur Magnus Schlecht (von links).  Ketterl
Besuch bei der PZ: Maria Ochs (Mitte) schaut Redakteur Simon Walter bei der Arbeit über die Schulter. Mit dabei TV-BW-Chef Jürgen Müller, Kulturressort-Leiterin Sandra Pfäfflin und Chefredakteur Magnus Schlecht (von links). Ketterl
15.01.2016

Interview mit Maria Ochs: „Kulturhaus-Leitung ist eine Herausforderung“

Es sind große Fußstapfen, in die Maria Ochs tritt: Seit Beginn dieses Jahres ist sie Nachfolgerin von Gerhard Baral als Leiterin des Kulturhauses Osterfeld. Im PZ-Gespräch erzählt sie über ihre Jugend in Pforzheim und ihre zukünftigen Pläne.

PZ: Wie fühlt es sich an, wieder in der alten Heimat zu sein?

Maria Ochs: Gut, denn ich war nie richtig weg. Ich war oft zu Besuch bei meiner Familie in Neuhausen und in Pforzheim. Es war immer ein Leben in zwei Welten. Das führe ich jetzt natürlich auch in die andere Richtung weiter, denn 28 Jahre Frankfurt streift man nicht einfach ab. Es gefällt mir eigentlich ganz gut, ein Zuhause und ein Daheim zu haben.

PZ: Haben Sie mitbekommen, wie sich das Kulturhaus Osterfeld in den vergangenen Jahren entwickelt hat?

Maria Ochs: Mein Vater hat immer die „Pforzheimer Zeitung“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ gelesen. Als ich in Frankfurt lebte, habe ich einmal in der Woche einen Umschlag bekommen, mit allem, was mich interessieren könnte. So hatte ich meinen persönlichen Ausschnitt-Service. Da waren auch immer Veranstaltungen des Kulturhauses dabei. Insofern habe ich über 20 Jahre lang verfolgt, was im Osterfeld lief.

PZ: Welchen Stellenwert messen Sie der Kultur in Pforzheim bei?

Maria Ochs: Ich glaube, gerade für Pforzheim ist die Kultur als weicher Standortfaktor sehr wichtig. Man kann hier Spannendes und Qualitätsvolles erleben, ohne gleich nach Stuttgart oder Karlsruhe fahren zu müssen. Im Osterfeld beispielsweise kann man an manchen Abenden gleich mehrere unterschiedliche Veranstaltungen besuchen – von Kursprogrammen, über politische Diskussionen bis hin zu purer Unterhaltung.

PZ: Wie war Ihr Start im Osterfeld?

Maria Ochs: Ich habe ein geordnetes Haus übergeben bekommen. Hier wird tolle Arbeit geleistet – nicht nur von einer Person. Das betrifft den Vorstand, das ganze Team bis hin zum jüngsten Praktikanten. Dieser Dampfer läuft. Das ist schön, hier so freundlich aufgenommen zu werden. Ich bin ja gerade erst die zweite Woche hier. Mir raucht zwar abends der Kopf, aber ich bin mir auch sicher, das funktioniert.

PZ: Wie ist Ihre Beziehung zu Ihrem Vorgänger Gerhard Baral?

Maria Ochs: Ich kenne Gerhard Baral schon seit der Zeit, als es noch den „Goldenen Anker“ gab. Ich bin zehn Jahre jünger als er und habe – sozusagen als Endjugendliche – beobachtet, was er dort gemacht hat. Wir haben uns in den vergangenen Jahren immer wieder getroffen und ausgetauscht, beispielsweise auf der Freiburger Kulturbörse. Ich finde, er hat eine großartige Arbeit gemacht und das Haus hervorragend aufgestellt. Jetzt geht es für mich darum zu sehen, was führt man weiter, und wo gibt es Möglichkeiten, etwas weiterzuentwickeln. Ich bin nicht diejenige, die kommt und sagt, ich mache jetzt alles anders. Ich möchte behutsam beobachten, wo ich meine Erfahrungen aus der Kulturarbeit im Rhein-Main-Gebiet einfließen lassen kann. Mein Planungszeitraum fängt im Jahr 2017 an, weil 2016 so gut wie abgeschlossen ist.

PZ: Wie begannen denn Ihre Kontakte zur Kultur überhaupt?

Maria Ochs: Ich bin in Heimsheim zur Schule gegangen und habe dann eine Erzieherinnen-Ausbildung gemacht in der Johanna-Wittum-Schule – in der gleichen Klasse übrigens wie Sabine Hager, die heutige Frau des OB. Ich habe schnell gemerkt, dass ich lieber mit Erwachsenen arbeiten möchte und habe im evangelischen Mädchenwohnheim an der Östlichen gearbeitet. Später dann im autonomen Frauenhaus. Da war ich gerade mal 21. In diesem Zusammenhang habe ich gedacht, es wäre gut, ein Studium der Sozialarbeit anzuschließen. So bin ich nach Frankfurt gekommen und habe dort an der Fachschule den Bereich „Ästhetik und Kommunikation“ entdeckt. Da wurde Theater und Kabarett gespielt, da wurden Videos gedreht. Und dann habe ich festgestellt, dass dies eine tolle Möglichkeit für mich ist. So kam ich in die Kulturszene, habe ein paar Jahre lang für einen freien Regisseur gearbeitet und dann als stellvertretende Leiterin im Kulturamt der Stadt Bad Vilbel angefangen. Nach einem dreiviertel Jahr habe ich die Leitung des Theaters „Alte Mühle“ übernommen – für die nächsten 20 Jahre.

PZ: Und dann stand Ihnen der Sinn nach Veränderung?

Maria Ochs: Ja, ich habe mir überlegt: Mach ich das jetzt weiter, oder starte ich etwas Neues? Und dann ist Gerhard Baral gegangen ... Es ist schon eine große Herausforderung, dieses Haus hier zu leiten. Das Osterfeld ist wie ein mittelständischer Betrieb. Personal, Finanzen, Programmplanung – da bin ich jetzt mit voller Kraft dabei. Außerdem kann ich meine Familie wieder häufiger sehen und an alte Freundschaften anknüpfen. Aber am Anfang geht nicht mehr – außer das Gassigehen mit meinem Hund als Ausgleich.

PZ: Welche eigenen Akzente wollen Sie im Osterfeld setzen?

Maria Ochs: Es gibt die Idee, im Kinder- und Jugendtheaterbereich anzusetzen, der ist im Haus noch nicht so stark etabliert. Ich muss aber erst noch schauen, was in der Stadt los ist in diesem Bereich und mit dem Stadttheater sprechen. Ich bin immer wieder erstaunt, was für innovative Aufführungen es im Kinder- und Jugendtheater gibt. Das trauen sich manche Erwachsenentheater nicht.

PZ: Haben Sie schon ein konkretes Projekt geplant?

Maria Ochs: Gleich im März gibt es einen interessanten Termin – quasi als Klammer zwischen meinen Wirkungsstätten. Ich habe in Bad Vilbel eine Veranstaltung mit dem Zeitzeugen Wolfgang Lauinger gemacht, der während der Nazizeit als homosexueller Halb-Jude verfolgt wurde. Nach mehrmonatiger Haft tauchte er unter und fand Arbeit in Pforzheim, wo er die Zeit bis zum Kriegsende mit viel Glück überlebte. Er war damals Mitglied einer Gruppe von Swingkids. Am 13. März wird der heute 97-Jährige, begleitet von Swingmelodien, im Osterfeld aus seinem Leben erzählen und Bettina Leder aus ihrem Buch über die Familie Lauinger lesen.

PZ: Wir positioniert sich ein Haus wie das Osterfeld zwischen der Notwendigkeit finanzkräftige Eventkultur im CCP zu bieten und dem Wunsch, unbekanntere Künstler zu fördern?

Maria Ochs: Da macht es uns das Haus sehr leicht. Wir haben drei verschiedene Raumgrößen – angefangen mit dem Studio mit 96 Plätzen, das ideal für Newcomer ist. Die können dann über den Malersaal und den großen Saal ins CCP wachsen. Ich erinnere mich an Veranstaltungen mit Dieter Nuhr vor 80 Zuschauern in der „Alten Mühle“ in Bad Vilbel. Nuhr konnten wir dann aber nicht mehr halten, weil wir kein CCP hatten. Wir haben in Pforzheim zwar keine große Arena, wie sie Mario Barth bräuchte, aber den brauchen wir hier auch nicht.

PZ: Wie wichtig es ist, jungen Künstlern eine Plattform zu bieten?

Maria Ochs: Ich glaube, es gehört zu unseren Aufgaben, junge Künstler aufzubauen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass – wenn man ein gutes Händchen hat – Künstler dann dem Haus auch treu bleiben, wenn sie eine große Karriere machen. Man muss allerdings überzeugt sein von ihnen, deshalb kann man nicht alle gleich gut fördern. Man hat als Veranstalter auch einen eigenen Geschmack, der sich auf das Programm überträgt. Und mit den Künstlern, mit deren Inhalten man etwas anfangen kann, versteht man sich meist auch im Gespräch hinter der Bühne oder beim Kaffee gut.

PZ: Und welche Künstler schätzen Sie besonders?

Maria Ochs: Ich bin im politischen Kabarett zu Hause. Ich mag sehr, was Max Uthoff oder Jochen Malmsheimer machen. Das trifft meinen Humor. Bei der Musik sind es eher die unplugged Konzerte. Ich freue mich aber auch auf Anregungen aus unserem jungen Team. Aber es wäre schön, mal wieder jüngere Leute im Haus zu haben. Leute unter 30 mit Musik ins Haus zu locken, darauf würde ich gerne einen Fokus legen. In den vergangenen Jahren hat sich eine Singer-Songwriter-Kultur entwickelt, die ich auch sehr spannend finde.

PZ: Wie sieht es denn mit der Besetzung der vakanten Stellen aus?

Maria Ochs: Wir haben gerade das Musik-Volontariat neu besetzt. Im Februar kommt ein junger Mann auf diese Stelle. Der neue Finanzleiter beginnt im Frühjahr, und meine direkte Mitarbeiterin Christine Samstag ist seit November da. In der Theaterpädagogik suchen wir noch eine Person für ein Projekt. Wir sind fast wieder komplett.

PZ: Sind Sie in Pforzheim gut angekommen?

Maria Ochs: Ja, ich habe mithilfe meines Bruders, der gut vernetzt ist, schon eine Wohnung gefunden. Ich habe noch ein paar Kisten auszupacken. Aber ich habe eine Familie, die mich sehr unterstützt. Und es ist ein Vorteil, sich in der Stadt immer noch auszukennen.

PZ: Was schätzen Sie an Pforzheim, und was vermissen Sie?

Maria Ochs: Ich schätze die Flüsse, das Wasser. Ich schätze, dass man schnell überall ist – auch im Grünen. Ich schätze, dass ich schnell bei meiner Mama bin, die wird im Juni 95. Was ich vermisse, kann ich nicht sagen. Ich habe noch gar keine Zeit gehabt, etwas zu vermissen. Und wenn ich in Pforzheim etwas vermisse, dann fahre ich nach Frankfurt zu meinem Partner und meinen dortigen Freunden. Es gibt eigentlich nur Vorteile zu genießen.