nach oben
Vielfach preisgekrönt: Martin Stadtfeld gastiert im Rahmen des „Goldstadtzirkels weltbekannter Pianisten“. Foto: Borggreve
Vielfach preisgekrönt: Martin Stadtfeld gastiert im Rahmen des „Goldstadtzirkels weltbekannter Pianisten“. Foto: Borggreve
10.10.2015

Interview mit Starpianist Martin Stadtfeld über seine Mozart-Sicht und das Konzert in Pforzheim

Er gilt als neuer Popstar der Klassik: Martin Stadtfeld (34), international gefragter Pianist und mehrfacher Echo-Gewinner, hat gerade die Werke des jungen Mozart, unter anderem das „Skizzenbuch“ und das Klavierkonzert Es-Dur KV 271, eingespielt. Das Jeunehomme-Konzert wird er bei seinem Gastspiel im Rahmen des „Goldstadtzirkels weltbekannter Pianisten“ am Sonntag, 18. Oktober, Beethovens Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur op. 58 gegenüberstellen. Im Interview plaudert er über seine Interpretation und verrät, warum er immer seine eigene Klavierbank mitbringt.

PZ: Der große Pianist Alfred Brendel sagt: Das Jeunehomme-Konzert ist Mozarts erstes Meisterwerk: Was haben Sie für eine Beziehung zu dem Konzert? Was macht es so interessant und besonders?

Martin Stadtfeld: Es ist eines der wunderbarsten Konzerte, das je geschrieben wurde – und das von einem 19-Jährigen. Das konnte nur geschehen, weil es in diesem Kind schon so lange gebrodelt hat. Dieses Werk hat alles, was man sich wünscht: Es hat diese herrliche konzertante Leichtigkeit, und es hat diesen unglaublichen Tiefgang im langsamen Satz. Den finde ich auch deshalb so bemerkenswert, weil Mozart Elemente der griechischen Tragödie verarbeitet: das Schicksal, dem man nicht entrinnen kann. Durch meine Beschäftigung mit dem jungen Mozart habe ich begriffen, dass dieses Konzert an der Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsensein steht.

PZ: Wird Mozarts Frühwerk unterschätzt?

Martin Stadtfeld: Im Hinblick auf das Londoner Skizzenbuch muss ich sagen: absolut. Dass diese Miniaturen von der Musikwissenschaft und von Pianisten oft links liegengelassen wurden, ist schwer zu verstehen. Zumal in diesem Werk des Achtjährigen im Grunde schon der ganze Mozart drin ist. Wir haben einen direkten Blick in die Seele des kleinen Jungen, da dieses Skizzenbuch auch ohne die Aufsicht des Vaters entstanden ist.

PZ: Mozart hat mehrere Kadenzen für sein Jeunehomme-Konzert geschrieben? Werden Sie eigene Kadenzen spielen?

Martin Stadtfeld: Ich schreibe gerne Kadenzen, wenn ich das Gefühl habe, da ist ein origineller Gedanke. Die Kadenz sollte für den Solisten ein Ort der Freiheit sein. Wenn immer genau die Kadenz kommt, die man erwartet, die einem das innere Ohr schon vorspielt, dann finde ich das etwas langweilig. In einer Kadenz kann ich auch gut zeigen, welchen Zugang ich zu diesem Stück habe. Das habe ich zum Beispiel im langsamen Satz des Jeunehomme-Konzerts versucht – und das ist dann eher eine Fantasie über Mozart geworden.

PZ: Was halten Sie von der historischen Aufführungspraxis bei Mozart?

Martin Stadtfeld: Historische Aufführungen interessieren mich sehr, ich höre sie gerne. Das kann zu faszinierenden Ergebnissen führen. Ich bin zum Beispiel ein Fan der Mozart-Aufnahmen von Andreas Staier auf dem Hammerflügel. Es ist aber auch sehr inspirierend, diese klanglichen Ideen auf heutige Instrumente zu übertragen. Das ist mein Weg, den ich gerade bei Mozart gehe. Bei Bach und Chopin übrigens auch – da versuche ich, die Klangideen dieser Komponisten auf den heutigen Flügel zu übertragen. Um historische Korrektheit geht es mir dabei nicht. Das hat sich heute auch ein wenig überholt. Im Grunde genommen gilt nur: Das Klangergebnis zählt.

PZ: Wie stehen das Mozart-Konzert und Beethovens Klavierkonzert Nummer 4 zueinander?

Martin Stadtfeld: Die beiden Konzerte wollte ich schon lange mal gegenüberstellen. Es gibt ganz viel Verbindendes, Beethoven hat das Mozart-Konzert fast als Vorlage verwendet. Da ist der frühe Einstieg des Klaviers bei beiden und dann die griechische Orpheus-Sage, die Beethoven zu seinem zweiten Satz angeregt hat. Selbst den Rhythmus des letzten Satzes übernimmt Beethoven in sein Finale. Da merkt man, dass Beethoven Mozart oft als Ideenquelle benutzt hat, um dann etwas ganz Eigenes daraus zu machen.

PZ: Haben Sie schon mit der Badischen Philharmonie und Markus Huber geprobt? Und wer gibt die Interpretation der Werke vor?

Martin Stadtfeld: Nein, noch nicht. Die Proben finden erst zwei bis drei Tage vor dem Konzert statt. Wenn man mit dem Orchester spielt, kann man nie so festgefügt sein: Ich spiele das jetzt genau so, und das Orchester muss mitmachen. Das würde keine Freude machen. Es ist vor allem ein Miteinander. Auf der anderen Seite habe ich natürlich auch genaue Vorstellungen, einige Eck-Ideen, die ich als Solist umsetzen möchte. Das tragen die Dirigenten aber meist mit. Wir wollen ja eine besondere Interpretation bieten.

PZ: Bringen Sie auch nach Pforzheim Ihre eigene Klavierbank mit?

Martin Stadtfeld: Ja, natürlich. Das ist eine praktische Sache, denn meine Klavierbank ist niedriger als üblich. Ich bin ja relativ lang. Das erlaubt mit, mit geradem Rücken spielen zu können. Wenn ich auf einer hohen Bank sitze, müsste ich mich oft sehr herunterbücken. Das löst in mir ein Gefühl von Unfreiheit aus. Ich bin in auch immer recht früh im Saal und nehme mir Zeit, nach dem Rechten zu schauen, beispielsweise nach dem Flügel oder dem Licht. Es gibt mir die Sicherheit, wenn ich auf die Bühne komme, funktioniert alles. Das ist mir sehr wichtig, da bin ich relativ pedantisch. Dann lege ich die Noten weg, kann mich entspannen und auf das Konzert freuen.