nach oben
Unter Dirigent Timo Handschuh zeigt sich das Südwestdeutsche Kammerorchester im ausverkauften PZ-Forum als besonders vielseitiges Ensemble. Ketterl
Leonhard Geiger und Clara-Sophie Bertram – zwei hoffnungsvolle Gesangstalente.
Gutes Miteinander: Karen Streich und Dieter Kohnke vom Richard-Wagner-Verband.
PZ-Verleger Albert Esslinger-Kiefer freut sich mit den Gästen auf einen schönen Abend.
01.10.2015

Jagd durch die Jahrhunderte: SWDKO überzeug im PZ-Forum

Es ist ein Parforceritt durch die Musikgeschichte: In rund einer Stunde durchjagt das Südwestdeutsche Kammerorchester (SWDKO) in seinem Konzert im PZ-Forum die musikalischen Jahre und Epochen – streift dort barocke Opernszenen und kurzweilige Spielstücke, beschleunigt den Schritt bei einer Streichersinfonie Mendelssohns und landet nach spätromantischen Ausdrucks-Größen in der Jetztzeit – bei einer Komposition des SWDKO-Dirigenten Timo Handschuh.

Bildergalerie: Konzert des Südewestdeutschen Kammerorchesters im PZ-Forum

Wie gut, dass die Musiker des Südwestdeutschen diese Reise nicht alleine tun müssen. Denn der Richard-Wagner-Verband Baden-Baden/Pforzheim hat das Konzert unterstützt – und zwei seiner ehemaligen Stipendiaten mitgebracht. Der Anfang aber gehört dem Kammerorchester.

Mit Giovanni Battista Sammartinis siebter „sinfonia“ darf die Spielfreude sprudeln. Die treibende Rhythmik des ersten Satzes gestaltet das Kammerorchester plastisch – genauso wie die kleinteilige Gesanglichkeit des zweiten und die motivischen Zuspitzungen des dritten Satzes. Danach tritt mit dem Freiburger Bariton Leonhard Geiger der erste Richard-Wagner-Stipendiat hervor. Mit Händels Opernszene „Tu di pietà mi spogli“ darf er das Potenzial seines leichten Baritons ausspielen. So ganz aber fügen sich die einzelnen Bereiche seiner Stimme noch nicht zusammen, manche Tiefe wirkt hier erst profund, später hohl, manch Hochton erst kräftig, dann fahl. Trotzdem entwirft er dann mit seiner Mit-Stipendiaten Clara-Sophie Bertram eine ansprechende Interpretation des wohl gefälligsten Duetts der Opern-Literatur: Mozarts „Là ci darem la mano“, das beide mit angedeutetem Spiel verlebendigen. Mit einem ähnlichen schauspielerischen Gestus tut sich Dirigent Timo Handschuh hervor, der die fehlenden Bläserstimmen am Zeilenschluss vom Cembalo aus einwirft. Dabei hindert ihn sein Taktstock, den er kurzerhand mit den Zähnen packt, um ihn wenige Sekunden später wieder mit der Hand zu benutzen.

Das Werk eines Jugendlichen

Weiter geht es mit Mendelssohns zweiter Streichersinfonie: dem Werk eines 13-Jährigen, das sich bei aller Genialität manches Einfalls gerade in den schnellen Außensätzen teils in Klischees und rhythmischer Monotonie verstrickt. Der langsame Satz mit seiner dunklen Cello- und Bratschenfarbe aber ist gerade im starken Aufspielen der tiefen SWDKO-Streicher ein Ereignis.

Mit der folgenden Auswahl aus Hugo Wolfs Mörike-Liedern zeigt sich Bertram im Solo. Im Stimmklang wandlungsfähig und mit kundiger Abstimmung auf die Textaussage, kann Bertram die schwüle Hitze der Wolfschen Lieder gestalten – und im Arrangement der Klavierlieder für Streichorchester wird deren sirrendes Fieber erst wirklich begreifbar. In ähnlich aufgehitzte Emotionen begibt sich Timo Handschuh im folgenden Werk – nicht nur als Dirigent, auch als Komponist. „Was es ist“ – eine „Kleine Rhapsodie für Bariton und Streicher“ – taucht ein Liebes-Gedicht von Erich Fried in üppig spätromantische Farben. Interessant, mit welcher Verve Handschuh sich an einen historischen Stil anlehnt – und daraus ein apartes, wenn auch überzuckertes Kammerstück formt.

Das Ende des Abends markiert das Finale der dritten Streicherserenade von Robert Fuchs. Hier darf das Kammerorchester im Kehraus zeigen, was es kann. Rasante Halbton-Figuren, pulsierende Pizzicato-Einwürfe lassen den Abend feurig ausklingen. Der starke Applaus aber holt die beiden Stipendiaten auf die Bühne zurück, die mit einer Duett-Version von Händels „Ombra mai fù“ einen erhabenen Schlusspunkt setzten – zu dieser rasanten Jagd durch die Jahrhunderte.