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Warum das Düstere und die Symbole des Nationalsozialismus eine so große Rolle in Jake Chapmans (rechts) Werk spielen, zeigt sich im Gespräch mit Robert Eikmeyer in der gut besuchten Aula der Fakultät für Gestaltung. Foto: Ketterl
Insgesamt rund 60 000 Spielzeugsoldaten haben die Chapman-Brüder für die Installation „Hell“ verwendet. Foto: Jumelet
24.11.2016

Jake Chapman gibt Einblicke in finstere Kunst

Pforzheim. Die Geschichte ist fast zu gut, um wahr zu sein. In den frühen 2000er-Jahren erschafft das künstlerische Brüderpaar Jake und Dinos Chapman ein Werk von betörender Verstörtheit: Abertausende Spielzeugsoldaten bevölkern eine wuselnde Dystopie: abgeschlagene Köpfe, Leichen, Blut und Tod – garniert mit den Symbolen des Nationalsozialismus – und in Vitrinen platziert, die ein Hakenkreuz bilden. Der Name der Installation: „Hell“ – Hölle. Und was passiert mit der Hölle? Sie brennt ab – die Lagerhalle der Chapmans steht in Flammen. „Wir haben uns gefragt: ,Brennt die Hölle?‘ Ja klar; natürlich brennt sie“, sagt der 50-Jährige.

Im Rahmen der Artefakte-Reihe ist der Künstler an die Fakultät für Gestaltung der Hochschule Pforzheim gekommen. Er führt zusammen mit dem Kunstwissenschaftler Robert Eikmeyer durch sein Werk. Es ist eine Reise in das bizarre Reich der zwei Londoner Künstler, die ein Faible haben für die Symbole des Dritten Reichs. Dass das aber nicht bloß platte Provokation ist, wird in den Ausführungen Chapmans überdeutlich. Er ist ein reflektierter Künstler, einer, der wirklich etwas zu sagen hat, der von seinem Werk aus Anlauf nimmt und Augenblicke später bei einer durchdachten Erkenntnis angekommen ist. An „Hell“ exerzieren er und Eikmeyer durch, was da drinstecken kann, in so einem Werk der Gegenwart, das erst verstören will und dann – wenn es verstanden ist – in so viel schillernderen Farben leuchtet.

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Am Anfang ist der pure Schrecken. „Manche Besucher haben geweint, als sie das Werk gesehen haben“, sagt Chapman. Solche, die den Krieg erlebt haben und seine Untaten – oder solche, die von dem monumental schrecklichen Anblick einfach erschüttert waren. Woher kommt diese direkte Wirkung des Werks? Es ist ja doch fiktional, zeigt kein konkretes Ereignis, ist mehr eine übersteigerte Version von dem, was Krieg sein kann. „Die Spielzeugfiguren haben einen besonderen Effekt“, sagt Chapman „Man kann sie betrachten, ohne sich als Voyeur zu fühlen, ohne sich zu schämen und dann wegzuschauen.“ Die Spielzeugwelt wirkt wie das Maß allen Übels. Sie wird bloß von der Wirklichkeit überholt. Mehrere Jahre habe es gedauert, die rund 60 000 Spielzeugsoldaten zu platzieren: sie zu köpfen, zu zerreißen, zu kreuzigen. Aber bei manchem Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs seien ähnliche Menschenzahlen an einem Tag umgebracht worden.

Auch bei dem Gang durch das weitere Werk der Chapmans, das vor dem Vortrag in Auszügen über die Wand geflimmert ist, wird klar, für zarte Nerven ist das nicht. Gewalt, Obszönität, das Böse spielen eine große Rolle. Kinder, denen Geschlechtsteile aus dem Gesicht wachsen, Kreuzigungen, Skelette, lose Körperteile und Verstümmlungen. Warum denn diese Gewalt? Für Chapman gehört sie zum Leben dazu; ist sie nicht sogar ein Zeichen des Lebens? „Auf dem Mars herrscht ein perfektes Gleichgewicht der Kräfte, alles ist ausgeglichen – aber Leben gibt es keines.“ Und so wird die Gewalt zum großen Beweger: „Gewalt ist natürlich; sie stört das Gleichgewicht.“

Kein Wunder, dass auch die gewaltigste weil gewalttätigste Figur des 20. Jahrhunderts eine Rolle spielt: Adolf Hitler, der sich an vielen Stellen im Werk des Brüderpaars finden lässt. Eigentlich wollte der ja auch ursprünglich Künstler werden – und wurde Diktator aus Not heraus? Gibt es also eine Verbindung zwischen Genie und Wahnsinn? „Jeder der Diktatoren des 20. Jahrhunderts war in irgendeiner Weise der Kunst verbunden“, wirft Eikmeyer ein. Aber lässt sich der Wahnsinn auch in Hitlers Kunst sehen, die die Chapmans auf so ironische Art mit Friedensmotiven übermalt haben? In ihnen herrscht zwar Kitsch und Belanglosigkeit, aber kein Hauch von augenscheinlicher Verwirrung. Macht nicht das sie so bedrückend? „Wenn man einen Künstler anhand seiner Kunst für verrückt erklären würde, wäre es wahrscheinlich van Gogh“, sagt Chapman. Doch der habe sich ja bloß ein Ohr abgeschnitten.

Es ist eben nicht so ganz einfach, hinter die Kunstwerke zu blicken. Aber wenn man mit Chapmans Hilfestellung so schaut, tut sich dahinter eine riesige Weite auf: die verstören kann – aber doch so interessant ist.