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Der Künstler Janusz Czech stellt unter dem Titel „Sight, Seeing, Society“ in den Räumen des Kunstvereins im Reuchlinhaus aus. Foto: Meyer
Der Künstler Janusz Czech stellt unter dem Titel „Sight, Seeing, Society“ in den Räumen des Kunstvereins im Reuchlinhaus aus. Foto: Meyer
12.07.2018

Janusz Czech mit Ausstellung in seiner Heimat Pforzheim

Pforzheim. Janusz Czech sucht sich sperrige, unbequeme Themen, betrachtet es als Aufgabe, sie zu hinterfragen, sich daran abzuarbeiten. Nur auf den Verkauf abzuzielen, ist nicht sein Ding. Seitdem er als 33-Jähriger den Job als Maschinenbautechniker aufgab, um beim Kunststudium in Karlsruhe seiner eigentlichen Berufung nachzugehen, sucht er die Auseinandersetzung.

Waren es im vergangenen Herbst Ängste, die er im EMMA-Kreativzentrum als Ursache eines weltweiten gesellschaftlichen Wandels als Kurator reflektierte, so beschäftigt er sich jetzt in seiner Einzelausstellung im Kunstverein mit dem Begriff der Architektur als Symbol des Machtanspruchs und den soziologischen Aspekten der Gesellschaft. Unter dem Titel „Sight, Seeing, Society“ zeigt der in Pforzheim aufgewachsene und in München arbeitende Czech im Reuchlinhaus große Installationen und Bildserien, die die Verflechtungen von Architektur, Gesellschaft und Politik aus diversen Blickwinkeln hinterfragen.

Seine Arbeiten „stellen Fragen und fordern die Betrachter zu einer eigenen Antwort heraus“, sagt Ana Kugli, zweite Vorsitzende des Kunstvereins, die die Schau heute miteröffnet. „Architektur prägt unser tägliches Leben. Sie ist eine in permanentem Wandel gebaute Infrastruktur einer Gesellschaft“, erklärt Czech seine Idee zur Ausstellung. Architektur könne die Veränderung einer Gesellschaft widerspiegeln, aber auch ein Mittel des Erscheinungsbildes von Politik und Ideologie sein, oder den Zustand einer Kultur darstellen. „Sie kann ein repräsentatives Symbol der Macht sein und zu diesem Zweck geschickt eingesetzt werden.“

Frösteln lässt den Betrachter, was Czech im Inneren eines nachgebauten, begehbaren Sichtbetonbunkers zeigt: fünf Leuchtkästen mit beklemmend wirkenden Fotografien von U-Boot-Bunkern an der französischen Atlantikküste – und wie die Städte heute mit den scheinbar unkaputtbaren Bauten, diesem schwierigen Erbe aus dem Zweiten Weltkrieg umgehen. „Obwohl Städte wie Brest durch Bombardierungen schwer zerstört wurden, blieben die Bunker nahezu unbeschädigt“, sagt Czech. Heute seien sie Mahnmale, die das Bild der Städte prägen. „Sie erscheinen wie ein monumentales, leeres Grab, das an die wahnhafte Ideologie eines fanatischen Herrschaftsanspruchs erinnert.“ Janusz Czech schaffe mit dieser minimalistischen Skulptur einen Gegensatz zum lichten Raum des Reuchlinhauses, das mit seiner Glasarchitektur nach der dunklen Zeit des Nationalsozialismus für den Aufbruch in die Demokratie steht, interpretiert Kunstverein-Geschäftsführerin Bettina Schönfelder.

Im Kubus des Lehmbruck-Baus hängen gut 40 Fotografien des Langzeitprojekts „Sightseeing“. Ob Prunkbauten St. Petersburgs, die Akropolis in Athen oder der Berliner Fernsehturm – die Sehenswürdigkeiten sind stark reduziert, aber erkennbar. „Wegen ihrer Prägnanz dienen die zu Wahrzeichen gewordenen Architekturen heute als charakteristisches Erkennungszeichen, besonders von Metropolen, lassen dabei aber ihren historischen, oft schwierigen gesellschaftlichen und politischen Kontext in Vergessenheit geraten“, sagt Czech.

Sichtbar macht einen solchen Kontext die Installation „Cross of Change“. Sie reflektiert die derzeitige Atmosphäre in Osteuropa. Die Fotografie einer 36 Meter hohen Christus-Figur, die über dem polnischen Swiebodzin thront, ähnlich erhaben wie der berühmte Cristo Redentor in Rio, kontrastiert mit einem Styroporkreuz und dem Gewand einer Bewegung, die Jesus zum König erklärt. Religion als Gegensatz zum säkularen Staat. „Im Kommunismus agierte die Religion noch als Opposition. Jetzt tut sie sich genau mit jener Unabhängigkeit im europäischen Einigungsprozess schwer, für die sie früher lange gekämpft hatte.“

In der „Galerie im Hof“ setzt Czech sich mit der Nachhaltigkeit von Architektur in der postmodernen Eventgesellschaft auseinander. Die multimediale Rauminstallation „Ornament und Verbrechen“ zeigt den Verfall olympischer Hallen und Fußball-WM-Stadien – einst Hoffnungsträger für Aufschwung, heute Ruinen zwischen Desillusionierung und Melancholie.

Ebenfalls im Untergeschoss hinterfragt eine grafische Wand-Installation des 42-Jährigen, ausgehend von der Definition der Anarchie als Ordnung ohne Herrschaft, wie unterschiedlich das Bauhaus oder die De-Stijl-Bewegung, Vorstellungen vom guten Leben in der Nachkriegszeit umgesetzt haben: In Städten wie Jena entstanden – zu DDR-Zeiten beliebte – Betonblöcke und Plattenbauten, während jene Architektengeneration, die flüchten musste, im Tel Aviver Exil Areale schuf, die heute ein Mekka für Architektur-Fans sind.