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Mit einem ungewöhnlichen Programm begeistert der Maulbronner Kammerchor seine vielen Zuhörer. Foto: Roller
Mit einem ungewöhnlichen Programm begeistert der Maulbronner Kammerchor seine vielen Zuhörer. Foto: Roller
20.05.2019

John Cage bis Johannes Brahms - Maulbronner Kammerchor begeistert sein Publikum

Maulbronn. Stille. Keiner sagt ein Wort. Nur einige heisere Huster sind zu hören, ein Räuspern, das Klappern eines Schlüssels oder Geldbeutels, das Geräusch eines Reißverschlusses, der hastig nach oben gezogen wird. Die an den Enden der Kirchenbänke angebrachten Kerzen flackern leicht, wenn sie ein Windhauch erfasst. Draußen bellt irgendwo ein Hund. Vogelgezwitscher. Ein Auto fährt lärmend vorbei. So klingt es, wenn die Mitglieder des Maulbronner Kammerchors John Cages „4’33’’“ aufführen, beziehungsweise nicht aufführen.

Denn je nach Interpretation besteht das Stück entweder aus gut viereinhalb Minuten Stille oder aus dem, was zwangsläufig zu hören ist, wenn alle penibel darauf achten, dass viereinhalb Minuten lang nichts zu hören ist.

Ruhe und Klang beleuchtet

Damit wäre denn auch das Thema umrissen, das beim Konzert des Kammerchors am Samstag im Mittelpunkt steht: das Verhältnis von Stille und Lärm, von Ruhe und Klang. Außergewöhnliche Stücke haben die Sänger unter Benjamin Hartmanns Leitung einstudiert. Etwa von Wolfram Buchenberg „Als vil in gote“, bei dem sich die einzelnen Stimmen vermischen, überlagern und ein sphärisch anmutendes Klangkaleidoskop entstehen lassen. Oder Per Nørgårds lautmalerisches „Wiigenlied“, in dem man Kindergeschrei, Rufe, Brummen und Stimmengewirr zu hören glaubt. Stücke, die von den Sängern eine fokussierte, nuancierte Intonation verlangen, um ihre volle Wirkung entfalten zu können. Schön harmonieren die Stimmen, verschmelzen zu einem großen Klangkörper.

Den Wechsel zwischen harten und weichen Klängen, zwischen spitzen Schreien und Momenten der Ruhe inszenieren sie in Beat Furrers „Enigma III“, einer Vertonung der Prophezeiungen Leonardo da Vincis. Ähnliche Wirkung erzielt eine Komposition von Will Todd, in der auf ein ausbrechendes „Christus est stella“ ein zurückgenommenes „Alleluia“ folgt.

Aus dem Flüstern heraus beginnt Jakub Neskes „Mironczarnia“, bevor sich ein die Lautstärke in pulsierenden Schüben steigernder, von den Sängern mit Wucht vorgetragener Gesang erhebt, der die Suche nach Worten symbolisiert. In Richard Derings kontrastreichem „Factum est silentium“ strahlen die Stimmen, Besinnlichkeit versprüht das romantische „Abendständchen“ des Johannes Brahms, kraftvoll erscheint Hugo Wolfs „Einklang“.

Tosender Applaus

Innig, unaufgeregt, fast schon sanftmütig gestalten die Sänger Felix Mendelssohn Bartholdys „Ruhetal“ und Josef Rheinbergers „Morgenlied“. Farbenreich interpretieren sie sowohl Lajos Bárdos’ „Libera me“ als auch Ralph Vaughan Williams’ Trauergesang „Rest“. In der Klosterkirche entstehen wunderbare Klangwelten. Als nach gut anderthalb Stunden das Konzert endet, ist es endgültig vorbei mit der Stille: Tosender Beifall bricht los, der Zugabe folgen einige tiefe Verbeugungen.