nach oben
In starken Farben leuchten die Kostüme von Mayo Arii und Marc Jubete.
In starken Farben leuchten die Kostüme von Mayo Arii und Marc Jubete.
08.07.2016

John Neumeier begeistert mit „Turangalila“ in Hamburg

Hamburg. Zu packend dramatischen Klängen erzählt dieser Abend von Leidenschaft, Begehren und Sinnlichkeit – doch er beginnt in Stille. Zögerlich betritt ein junger, nur mit einem weißen Rock bekleideter Mann (Christopher Evans) die helle, kreisrunde Tanzfläche. Er kniet nieder, scheint etwas in seinen Händen zu imaginieren, küsst die Fingerspitzen seiner Linken. Fährt fort mit weit ausholenden Drehungen und Sprüngen. Dann erst setzt schwer und wie auftrumpfend das Orchester ein – und nun sind es sieben Männer, die sich erst einmal in einen archaisch wild anmutenden, kraftvollen Gruppentanz zu stürzen scheinen.

Mit der spektakulären Uraufführung seiner Choreografie „Turangalila“ zur gleichnamigen Sinfonie Olivier Messiaens aus dem Jahr 1948 hat John Neumeier die 42. Hamburger Ballett-Tage eröffnet. In der voll besetzten Staatsoper feierte das Publikum die Compagnie und ihren Choreografen ebenso wie das fulminant musizierende Philharmonische Staatsorchester unter Kent Nagano.

Dem verstörenden Einstieg folgt ein „Chant d’amour“ (Liebesgesang) der beiden Ersten Solisten Hélène Bouchet und Carsten Jung. Zu zunächst satter, dann schräger Musik verkörpern sie innig die Faszination, die Mann und Frau aufeinander ausüben. Sie trägt ein sinnfällig hellrotes Kleid, er einen hellgrauen Rock bei nacktem Oberkörper. In anderen Passagen des Balletts sind die Kostüme auch schwarz, violett oder orange – wohl gewählt, um dem Bewusstsein des französischen Komponisten zu entsprechen, der als sogenannter „Synästhet“ bei Farben Klänge sah und bei Farben Klänge hörte.

Als „Mosaik der Liebe“ hat Neumeier sein durchaus rätselhaftes Bühnenwerk bezeichnet. Zur Sinfonie des tief katholisch gläubigen Messiaen (1908-1992) könne er kein Libretto bieten.

Bereits seit 1968 hatte sich Hamburgs langjähriger Ballettchef um die Aufführungsrechte bemüht. Doch verwirklichen konnte er sein Projekt erst nach Vermittlung Naganos bei den Erben des Komponisten. Der Dirigent, ein Freund der Familie Messiaen, wirkt seit Beginn dieser Spielzeit als Generalmusikdirektor in der Hansestadt. „Turangalila“ ist die erste Zusammenarbeit von Neumeier und Nagano. Hoffentlich nicht die letzte.