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An den gemeinsamen Weg mit Jonathan Meese erinnert Robert Eikmeyer (links) in seiner Moderation.  Foto: Seibel
An den gemeinsamen Weg mit Jonathan Meese erinnert Robert Eikmeyer (links) in seiner Moderation. Foto: Seibel
Jonathan Meese deklamierend. Foto: Seibel
Jonathan Meese deklamierend. Foto: Seibel
Jonathan Meese ganz verzweifelt. Foto: Seibel
Jonathan Meese ganz verzweifelt. Foto: Seibel
06.05.2016

Jonathan Meese an der Hochschule: Er will doch nur spielen

Mama ist ein heißer Typ, und Ideologien sind böse, böse. Es ist schon ein Spektakel der besonderen Art, das Jonathan Meese in der proppenvollen Aula der Hochschule Pforzheim abzieht. Mal ganz der höfliche Junge von nebenan, der bei der Begrüßung durch Professor Thomas Hensel brav die Mütze abzieht, mal Provokateur, der sich deutlich zu echauffieren weiß. Unterhaltsam ist das über weite Strecken, was der Exzentriker hier abliefert – trotz der fast gebetsmühlenhaften Wiederholung: „Ihr müsst begreifen, dass Ideologie Scheiße ist. Und man vergisst immer, dass Politik Ideologie ist“, bläut er den Zuhörern ein.

Das Stammtisch-Gesülze über Parteien interessiere ihn nicht. Und schon gar nicht der Gang zur Wahlurne: „Mit 18 habe ich ein einziges Mal gewählt – und gleich alle Parteien angekreuzt.“ Wählen, das ist für Meese wie Lottospielen oder Rubbellose kaufen: „Macht nicht mit!“ Genauso wie die Politik gehöre auch die Religion abgeschafft, fordert er, und regt sich über den Irrsinn konfessioneller Kindergärten auf. „Babys und Kinder sind nicht ideologisch. Man sollte dringend untersuchen, wann sich die Ideologie im Körper einnistet.“

Sein Alternativangebot: Liebe, Herzblut, Spiel und die „Diktatur der Kunst“: „Kunst ist der große Befreier“, ist sich Meese sicher. Eloquent, charismatisch und mit großer Präsenz will er seine Zuhörer partout davon überzeugen. Doch die Studenten sind eigentlich noch in Schockstarre, hat Meese doch gerade eine Performance abgeliefert, die den Jungdesignern schwer im Magen liegt: Sein „Pforzheim Manifest“ trägt er – die schwarze Lederjacke zugeknöpft und die Sonnenbrille aufgesetzt – im Brustton der Überzeugung vor. „Kunst ist Liebe, Design ist Strategie“. „Kunst ist Abgrenzung. Design ist Mitmach-Stuss“. „Kunst ist Totalität. Design ist Kleinstaaterei.“ „Kunst ist Versachlichung. Design ist Seelenfängerei.“

Vier Seiten lang verkündet er das Primat der Kunst, die Unzulänglichkeit und Rückwärtsgewandtheit des Designs. Da werden manche Gesichter im Auditorium immer länger, und auch Meese-Freund Robert Eikmeyer, der das Gespräch moderiert, tut sich schwer, eine Lanze fürs Design zu brechen. Er versucht, Meese auf die Fährte des radikalen Designs zu locken, das so gar nichts mit verführerischen Oberflächen zu tun habe. Sieht hingegen im Selbstdesign, das angesagte Objekte nutze, um eine soziale Hierarchie herauszustreichen, den Angriffspunkt. Doch Selbstperformer Meese steigt darauf nicht ein, wettert lieber über „Design-Fressen, die nur Macht über ihre Mitläufer erlangen wollen.“

Ärger über Bayreuth

Ach und da ist ja auch noch Bayreuth: In diesem Jahr sollte Meese eigentlich den „Parsifal“ inszenieren und ausstatten. Doch dem Performancekünstler wurde gekündigt, wegen „erheblicher Überschreitung“ des Budgets für Bühnenbild und Kostüme. Der 45-Jährige sieht das natürlich anders. Eine Chance für Bayreuth sei er gewesen, sich zu „ent-ideologisieren, zu ent-heiligen.“ Aber dann habe man festgestellt, „der Typ könnte gefährlich werden für den Laden“, und ihn geschasst. Er hätte die Wagner-Festspiele zum zukunftsfähigen Gesamtkunstwerk gemacht, stattdessen seien bei diesem CSU-Spektakel wieder „politikversaute Typen“ am Ruder. Aber Meese ist sich auch sicher: „Die werden mich schon wieder fragen. Wen sollen sie auch sonst nehmen?“ Vor allem, wenn die „risikolosen Designfratzen, die jetzt inszenieren“, weg seien.

Doch Meese kann auch witzig und spontan. Als ihm ein Design-Student ein Tauschprojekt anbietet, zieht er spontan seine Socken aus – im Austausch für eine mit Blut befüllte Kette. Und freut sich darüber wie ein Kind. Denn genau das will er sein: ein Spielkind. Das man nicht wortwörtlich nehmen soll. Sondern „überwörtlich“. Und damit ist eigentlich alles gesagt, oder?