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Imposante Kulisse, Massenszenen und Reiterei: Die Volksschauspiele Ötigheim begeistern auch in dieser Saison. 

Jubiläumsinszenierung von "Wilhelm Tell" lockt Zuschauer zu Volksschauspielen in Ötigheim

Ötigheim. 1910 hätte man von "Kaiserwetter" ob der hochsommerlichen Bedingungen bei der ersten Premiere von Schillers „Wilhelm Tell“ auf der Ötigheimer Freilichtbühne gesprochen. Diese bildete den Auftakt für die Erfolgsgeschichte des "Theaterdorfs" Ötigheim: "Tell" blieb Jahrzehnte Schwerpunkt des Spielplans.

Es entwickelte sich eine Aufführungstradition mit Musikeinlagen, Chören und Tänzen, auf die auch die Jubiläumsinszenierung von Frank Strobel zurückgreift, die pandemiebedingt nicht wie geplant 2020 Premiere hatten, sondern erst diese Saison zu erleben ist. An die grundlegende Bedeutung von Schillers Drama für die Ötigheimer Volksschauspiele erinnert auch die Replik des Telldenkmals des Schweizer Bildhauers Richard Kissling (1848-1919), die den Besucher vor den Toren der Freilichtbühne nun begrüßt.

Strobel betont nicht nur die farbenfroh-idyllische Tradition mit Musik und viel Tanz der Volksschauspiele, deren Chor und der wirksam eingesetzten Reiterei, der Almabtrieb der Kühe und Geißen wird ebenso stimmungsvoll in Szene gesetzt wie die vielen Massenszenen.

Auf Aktualisierung wird hingegen bewusst verzichtet, also keine Ukraine-Fahne auf der auch ansonsten traditionell gehaltene Bühne. Nicht nur viel Augenfutter wird im großen Rund der Freilichtbühne geboten, Strobel bleibt eng am Schiller-Text, um die politischen und menschlichen Konflikte spannend-wirkungsvoll auf die Bühne zu bringen.

Auf der einen Seite die auf ihre verbrieften Freiheitsrechte pochenden Schweizer, die nicht auf das österreichische Haus Habsburg, schwören wollen und der Einzelgänger Tell, der seine Unabhängigkeit auch innerhalb der Gemeinschaft betont. Dem gegenüber steht der sadistische Gewaltherrscher Gessler, der mit größter Brutalität die Schweizer unterwerfen will.

Aufführung von Theaterbegeiterung geprägt

Stefan Roschy spielt den Tell nicht als politischen motivierten Freiheitskämpfer; es sind die Lust am Abenteuer, sein Drang zur Unabhängigkeit, die ihn in Konflikt mit dem Reichsvogt Gessler (durch und durch bösartig Martin Kühn) bringt. Die Qual, die er durch den von Gessler aufgezwungen Apfelschuss vom Haupt seines Sohns erleidet, ist die Initialzündung zum späteren Tyrannenmord in der berühmten "hohlen Gasse", die nach Küsnacht führt.

Viel von Freiheit geredet wird von den Führern der Schweizer Kantone, bis es zum berühmten Rütli-Schwur kommt, der sich dann als verzögerter Beginn des Aufstands erweist. Es sind die Frauen bei Schiller, die ihre zaudernden Männer antreiben, wie Stauffachers Frau Gertrud oder Berta von Bruneck. Luisa Schoenemann macht nicht nur zu Pferde eine gute Figur, sondern nimmt der Berta viel vom klebrigen Schiller-Pathos.

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Die berühmte Szene: Wilhelm Tell (Stefan Roschy) soll seinem Sohn (Jonah Kühn) den Apfel vom Kopf schießen.

Wie sie ihren künftigen Ehemann Ulrich von Rudenz (David Kühn) vom Habsburg-Anhänger zum Verfechter der Freiheit seiner Schweizer Heimat umdreht, überzeugt durch ihre Bühnenpräsenz.

Viele Volksszenen dieses besonders im fünften Akt stark gekürzten "Tell" mit dem Jubel-Finale zu Rossinis "Wilhelm Tell"-Ouvertüre prägen ebenso wie die Theaterbegeisterung der Laiendarsteller die Jubiläumsaufführung. Einer bleibt indes besonders in Erinnerung: Hannes Beckert als der vom Totenlager aus seine Bauern unterstützende Freiherr von Attinghausen, der mit fast gebrochener Stimme die Freiheit beschwört.

Nächste Aufführungen: Freitag, 24. Juni, und Sonntag, 26. Juni. www.volksschauspiele.de