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19.05.2017

Kabarettist Henning Schmidtke begeistert Publikum in Remchingen

Remchingen. Bei einem seiner Lieder versagt ihm plötzlich die Stimme. Nachdem er eine halbe Stunde auf der Bühne der Remchinger Kulturhalle gestanden hat, überlegt Henning Schmidtke, seinen Auftritt abzubrechen. „Steht ja nicht im Programmheft, wie lang das hier dauert.“ Dem Publikum stockt kurz der Atem. Ganz aufhören und das Publikum wieder nach Hause schicken, will er dann aber doch nicht. Der Aussetzer gehört nämlich zum Programm.

Stattdessen setzt er sich auf einen Stuhl, schaut nach oben und macht nichts – minutenlang. „Üben Sie sich in Stille“, sagt er seinem Publikum. Denn manchmal, da muss man eben auf die Bremse treten – vor allem in einer Gesellschaft, in der gilt: „Time is money, Zeit ist Geld.“ Und schon ist Schmidtke beim eigentlichen Thema seines Auftritts: Entschleunigung.

Bitter nötig in einer Zeit, in der Frauen ihre Eizellen einfrieren lassen, um länger arbeiten zu können. „Früher brachte der Storch die Babys – heute der Bofrost-Mann.“ Der Workaholic wird zur Leitfigur, obwohl er krank und süchtig ist: süchtig nach Arbeit. Soziale Kontakte bleiben auf der Strecke. Ihm eifern alle nach. Wer das Pensum von selbst nicht schafft, der kann dopen.

„Bei der Tour de France kommen die den Berg auch nicht allein mit Apfelschorle hoch“, meint Schmidtke. Für den Kabarettisten ist die deutsche Autobahn ein Spiegel der Gesellschaft. Auf der linken Spur fährt dort die „Lichthupenmafia“ in dunklen Wagen der gehobenen Preisklasse, getreu dem Motto: „Je schwärzer der Lack, desto reicher der Sack.“ Es geht um Macht. Die Lichthupe wird zum „Ellenbogen des Bonzenautos“. Ein treffender Vergleich. Überhaupt erweist sich Schmidtke in Remchingen als ein scharfsinniger Beobachter des Zeitgeschehens und als ein Freund der klaren Worte.

Ob es nun um die Leistungsgesellschaft geht, um Gentrifizierung, um die fragwürdigen Jobs ehemaliger Politiker in der freien Wirtschaft oder um Castingshows im Fernsehen. Über Letztere kann sich der Kabarettist besonders gut und lange aufregen. Und über Schlagersänger sowieso. Die scheint er nämlich nicht besonders zu mögen. Hört sich ja auch alles irgendwie gleich an. Wie gut, dass seine eigenen Lieder da deutlich mehr Abwechslung bieten.

Immer wieder setzt sich Schmidtke an den Flügel, langt kräftig in die Tasten und singt dazu. Mal macht er sich in seinen Texten über Sprichwörter lustig, mal thematisiert er Drohnen – eine moderne Technik, die dem Menschen das Töten abnimmt. Auch wenn er Vieles locker im Plauderton daher erzählt, ist es keine leichte Kost, die Schmidtke seinem Publikum serviert. Und so verwundert es auch nicht, dass er am Ende keine handfesten Lösungen bieten kann.

Um das richtige Tempo für sich zu finden, müsse man in sich selbst hinein hören, gibt er seinem Publikum mit auf den Weg. Das spendet tosenden Applaus. Eine Zugabe im herkömmlichen Sinn spielt Schmidtke nicht, aber dafür entlässt er seine Zuhörer mit zwei kleinen lyrischen Häppchen in die laue Sommernacht.