nach oben
Die Solisten Roberta Invernizzi, María Espada und Topi Lehtipuu (von links) zeigen zusammen mit dem Orchester „La Cetra“ eine lebendige Interpretation von Vivaldis „fida ninfa“.  Bode
Die Solisten Roberta Invernizzi, María Espada und Topi Lehtipuu (von links) zeigen zusammen mit dem Orchester „La Cetra“ eine lebendige Interpretation von Vivaldis „fida ninfa“. Bode
03.11.2015

Kein Platz für Langeweile: Vivaldis „fida ninfa“ in Baden-Baden

Baden-Baden. Auch wirkliche Meister können irren. Igor Strawinsky zum Beispiel. An dem Komponistenkollegen Antonio Vivaldi lässt er kein gutes Haar. „Er war ein langweiliger Mensch, der ein und dasselbe Konzert 400-mal geschrieben hat.“

Wie Unrecht er hat, zeigt sich in jeder Komposition des venezianischen Barockmeisters Vivaldi. Denn in seinem riesigen Werk gibt es mehr zu entdecken als die heillos überstrapazierten „Vier Jahreszeiten“. Da ist Platz für raffinierte Konzerte, fesselnde Kirchenmusik – und als heimlicher Höhepunkt: die Opern. Wie viel Eleganz in den Vivaldi’schen Arien und Ensembles steckt, haben bei den Baden-Badener Herbstfestspielen Solisten wie Roberta Invernizzi oder Topi Lehtipuu zusammen mit dem Barockorchester „La Cetra“ unter Andrea Marcon bei einer konzertanten Aufführung der „fida ninfa“ bewiesen. Die Faszinationskraft des Werks liegt nicht im kruden Libretto, das sich in verworrenen Personen-Verwechslungen gefällt, sondern in Vivaldis flexibler Opernsprache. In den langsamen Arien baut er verinnerlichte Ruhepole voller Reflexionskraft auf, die virtuosen Allegro-Arien strotzen vor melodischem Erfindungsgeist – aber den Höhepunkt des Werks bilden die Ensembles. Hier ergibt sich im Duett „Dimmi Pastore“ ein faszinierendes Wechselspiel zwischen Osmino (Carlos Mena) und Elpina (Franziska Gottwald). Das folgende Trio „S’egli è ver“ bindet die Stimmen von María Espada, Franziska Gottwald und Topi Lehtipuu zu einer raffinierten Schicksalsreflexion zusammen. Im Quartett „Così sugli occhi miei“ zeigen dann Carlos Mena, Roberta Invernizzi, María Espada und Franziska wütende Stimmgewalt, die Vivaldi mit schneidenden Geigengesten untermauert. Das alles ist von den Solisten durchweg gekonnt gestaltet und wird vom Spezialensembles „La Cetra“ farbig und effektreich unterstützt. Wenn im abschließenden Epilog dann die Windmaschinen heulen und der blanke Donner musikalisch über das Festspielhaus hereinbricht, steht endgültig fest: Ein Langweiler war er nicht, der Herr Vivaldi.