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Manch einer liebt den geselligen Besuch im Kino; der andere schaut Filme lieber auf dem Tablett von zu Hause. Foto: Fotolia
Manch einer liebt den geselligen Besuch im Kino; der andere schaut Filme lieber auf dem Tablett von zu Hause. Foto: Fotolia
19.05.2017

Kino oder Couch? Filmtheater kontra Streaming-Dienst

Pforzheim. Das Kino steht immer mehr unter dem Druck der Streaming-Anbieter. Auch in Pforzheim wächst der Widerstand gegen Netflix und Co.

Richtig gute Freunde werden die Kinobetreiber und die Streaming-Dienste wohl nicht mehr werden. Beide zeigen Filme, beide verdienen daran – aber auf ganz unterschiedliche Weise. Das Kino-Konzept ist bekannt: die neuesten Filme dann sehen, wenn sie frisch aus dem Filmstudio kommen, mit Popcorn in der Hand und auf einer großen Leinwand.

Filme zu streamen ist da ganz anders. Zu Hause auf dem Sofa schlägt man sich durch die Auswahl der verschiedenen Streaminganbieter – und guckt meist großes Kino auf einem kleinen Bildschirm. Beide Konzepte sind Konkurrenten. Das führt zu Spannungen. So wie jetzt in Cannes (siehe Kasten) – aber auch vor Ort.

„Helfen tun uns die Streaming-Anbieter bestimmt nicht“, sagt Michael Geiger von den Pforzheimer Kinobetrieben. Er betreibt das Cineplex- und das Rex-Kino. Grund für die Verstimmung? Die Streaminganbieter produzieren immer mehr eigene Filme, die gar nicht im Kino zu sehen sein werden – oder sie üben Druck aus auf die Studios. Denn eigentlich sind die Kinos durch eine Regel recht gut geschützt. Sie dürfen einen neuen Film normalerweise einige Zeit exklusiv zeigen. Auswertungsfenster heißt das. Auf keiner DVD darf der Film veröffentlicht werden, kein Fernsehsender darf ihn zeigen – und auch kein Streamingdienst. In Deutschland beträgt das Auswertungsfenster laut Michael Geiger zwischen vier und sechs Monaten. „Früher war es ein Jahr“, sagt er – und in Frankreich sind es noch immer drei Jahre.

Wenn ein Film gut laufe, könne er den Zeitraum gut ausfüllen, sagt Geiger. „ ,Willkommen bei den Hartmanns‘ zum Beispiel haben wir über 20 Wochen gespielt“, sagt Geiger. Eigentlich sei die doppelte Aufmerksamkeit, die ein Film genieße, ja auch ein Erfolgsmodell. Die Studios könnten zweimal verdienen: Einmal, wenn ein Film im Kino läuft, und dann, wenn er auf DVD erscheint. „Aber dann müssen die Studios eben auch zweimal Werbung machen.“ Den Streaming-Diensten ist die Sperrfrist ein Dorn im Auge. Geiger will für sie kämpfen. Aber die Branche ist in Bewegung. Wird das Streaming das Kino ersetzen? Das glauben die wenigsten Kinobetreiber. „Das Kino ist schon oft totgesagt worden“, sagt Christine Mühe, die Geschäftsführerin des Kommunalen Kinos. „Es hat aber bisher immer überlebt.“

Denn obwohl ja beide Medien das Gleiche zeigen: Das Erlebnis, was sie verkaufen, ist ein komplett anderes – und das macht den Kinobetreibern Hoffnung. „Ins Kino zu gehen, ist auch ein sozialer Akt“, sagt Müh. „Man trifft dort eben nicht bloß die Leute, die sowieso auf der Couch sitzen.“ Außerdem stehe das Kinoerlebnis für eine fokussiertere Art des Filmschauens. „Zu Hause blinkt das Tablett oder klingelt das Handy rein – aufs Kino konzentrieren wir uns ganz.“ Und noch etwas stört viele beim Streaming: die Auswahl für einen Film fällt schwer, wenn es Hunderte gibt, die man schauen könnte. „Manchen fehlt die kuratorische Leitung, die ein Kino ja auch mit sich bringt.“

Ganz so pessimistisch muss der Blick also nicht sein in die Zukunft. Geiger und Müh denken, dass es da einen Zustand geben könnte, in dem beide Medien ihren Platz gefunden – und das Verhältnis zueinander definiert haben. Und manch Positives hat es auch für die Kinobetreiber, dass gerade junge Leute viele Filme per Streaming schauen. „Die Filmkompetenz steigt so – auch durch die vielen Serien, bei denen das Niveau ja oft recht hoch ist“, sagt Müh. Das wird auch im Geiger’schen Kino bemerkt. Die Nachfrage nach Filmen in Originalsprache sei spürbar gestiegen – eben, weil man Serien meistens in der Ursprungssprache schaut. „Manche Filme funktionieren in Pforzheim nicht auf Englisch“, sagt der Juniorchef der Pforzheimer Kinobetriebe, Nicolas Geiger. „Aber manche laufen auch richtig gut.“ Vielleicht ist da doch noch Hoffnung auf ein bisschen Frieden zwischen Kino und Streaming-Portalen.