nach oben
28.04.2008

Klangschwelgereien am Marimbafon mit dem Südwestdeutschen

PFORZHEIM. Das mit „Kontraste“ überschriebene 5. Abo-Konzert des Südwestdeutschen Kammerorchesters im CongressCentrum präsentierte zumindest vor der Pause musikalische Gegensätze und Farbunterschiede, wie sie schärfer kaum hätten ausfallen können. Auf der einen Seite das zeitgenössische, sich in fremdartig dissonanten Klangstrukturen entfaltende Konzert für Marimba und Streicher des 1933 geborenen Japaners Akira Miyoshi.

 Auf der anderen die eingängig gefällige, spätromantische Streichorchester-Serenade in E-Dur (op. 22) von Antonin Dvorák. Noch mit einer zweiten Überraschung oder ungewohnten Musikpräsentation wurde das Pforzheimer Publikum konfrontiert. Hier kennt man die immer wieder bejubelten artistisch Interpretationen des Stabspiele-Spezialisten Roland Härdtner, der sich freilich an populär-klassische Musikwerke oder tänzerisch ausgelegte Musik hält.
Mit Miyoshis einsätziger Komposition, die Elemente traditioneller japanischer Klangwelten verarbeitet, und vor allem mit dem exzellenten portugiesischen Percussionisten Pedro Carneiro, den sich Sebastian Tewinkel zu seinem Streicherensemble eingeladen hatte, war alles ganz anders. Der zarte Auftakt wurde bald von verwirbelten Skalen und heftigen Klöppelschlag-Akzenten abgelöst. Im zerklüfteten Wechselspiel zwischen Orchester und geschlegeltem Tonplättchen-Klang folgten auf kurzschrittig wilde Streicher-Rasanzen hämmernde Marimba-Attacken. Glissandi lösten sich im Nachhall verdämmernder Haltetöne. Jäh gebremste Geläufigkeit und blitzschnelle Reaktionen auf die Orchestereinwürfe zeichneten die Marimba-Sequenzen aus, wobei der Solist auch seinerseits immer wieder neue, unvorhersehbare Impulse aussandte. Mit abrupter Härte setzte Carneiro den Schlusspunkt.
Dagegen die Wiedergabe der Dvorák-Serenade. Sie wurde vom Südwestdeutschen unter Tewinkel so klangschön und sinnlich melodiös interpretiert, dass einige Zuhörer vor lauter Zustimmung nach jedem der fünf Sätze zum Klatschen ansetzten. Auf das gelassen ausgebreitete, klangfarbenprächtig leuchtende „Moderato“ folgte der leichtfüßig genommene Satz „Tempo di Valse“, dann ein erfrischendes „Scherzo“. Das sich sanglich verströmende „Larghetto“ wurde von den Streichern mit warm timbriertem Ton empfindungsvoll ausgedeutet. Und das Finale mit seinen Zitaten aus den vorangegangenen Sätzen erfreute mit sprühender Vitalität.
Ein etwas anderes Bild ergab der zweite Teil des Konzertes. Die beiden Walzer (op. 54 Nr. 1 und Nr. 4) von Dvorák wurden als souverän abgespielte, im „Allegro vivace“ mit schönen Konzertmeister-Violinsolo-Einsätzen ausgestattete Repertoire-Stücke gegeben. Ney Rosauros Konzert Nr. 1
für Marimba und Orchester op. 34.1 entwickelte sich dann mit zunehmender Dauer zu einem glanzvoll-len Konzerthöhepunkt. Was einerseits am klangsinnlich strahlenden und phasenweise feurigen Melos der Partitur des 1952 geborenen brasilianischen Komponisten gelegen haben dürfte. Der zweite Satz („Allegro lamento“) kam beispielsweise mit süffigem Sound daher, einer sehnsüchtigen Filmmusik vergleichbar. Das brachte empfindsame Saiten (beziehungsweise Holz-Tonplättchen und ihre metallischen Resonanzröhren) glutvoll schwelgerisch und melancholisch sanft zum Klingen. In solch duftigen Klangseligkeiten gab der meisterlich musizierende Solist am Marimba sein Bestes, verzauberte die Zuhörer und entführte sie traumverloren. Natürlich demonstrierte Carneiro sein Können vor allem in den beiden letzten Abschnitten des Rosauro-Konzertes auch in oft lustig hüpfenden Tempo-Läufen oder in hochvirtuos rasenden Abfolgen. Nicht zuletzt dafür wurde der Marimbafonist, der mit je zwei Stabschlegeln in jeder Hand wie ein flinker Feinmechaniker an seinem Instrument arbeitete, mit Bravorufen gefeiert.  R. Uhlig