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Starpotenzial mit Nischenmusik: Nils Frahm. Foto: Nietfeld/dpa-Archiv
Starpotenzial mit Nischenmusik: Nils Frahm. Foto: Nietfeld/dpa-Archiv
28.02.2018

Klangzauberer Nils Frahm füllt im Ausland längst große Konzertsäle

Berlin. Dieser Nils Frahm, geboren in Hamburg, Wohnsitz seit Jahren im leicht abgeranzten Berliner Stadtteil Wedding, ist so etwas wie Deutschlands heimlichster Weltstar. Geschafft hat er das mit einer Musik, die weder Rock ist noch Pop, weder breitbeiniger Hip-Hop noch modischer R&B. Frahm hat sich in einer kommerziell eher schwierigen Nische etabliert, zwischen Elektronik, Neoklassik, Klavier-Jazz und Ambient Music.

Mit seinem aktuellen Album „All Melody“ soll der ganz große Durchbruch gelingen. Das gilt wohl vor allem für die Heimat. Denn international schätzt man Frahm ja bereits seit längerem als einen der führenden deutschen Komponisten, Pianisten und Soundtüftler der Gegenwart. Es erinnert ein wenig an Bands wie Kraftwerk, Can oder Tangerine Dream, die weltweit früher und auch viel nachhaltiger populär wurden als in Deutschland.

Frahm füllt riesige Säle wie das Londoner Barbican (vierfach ausverkauft im Februar) und große Hallen in den USA, Kanada oder Japan, er spielt auf internationalen Open-Air-Festivals. Während im Ausland auch Popkritiker den 35-Jährigen in den Himmel loben, ist Frahm hierzulande noch ein recht unbeschriebenes Blatt. Kurz nahm man ihn wahr, als er sich 2015 für seine tolle Filmmusik zu Sebastian Schippers Kinomeisterwerk „Victoria“ den deutschen Oscar, die Lola, abholte. Dann war er wieder weg. Wer nun „All Melody“ hört, das wegen seines enormen Melodienreichtums völlig zu Recht so benannte, ungefähr zwölfte Solo-Studioalbum von Frahm – der weiß, wo der Mann all die Zeit geblieben ist. Denn dieses fast 75-minütige Mosaik aus zwölf teilweise nahtlos ineinander übergehenden Stücken ist das Opus magnum des Berliners. Zwei Jahre lang zog er sich dafür in sein neues Studio „Saal 3“ im Haus des DDR-Rundfunks aus den 50er-Jahren zurück. Mit einem gewaltigen Arsenal von analogen und digitalen Instrumenten, Synthesizern und Samplern, Rhythmusmaschinen und Effektgeräten produzierte Frahm unzählige Stunden an Musik – um dann vieles wieder wegzuwerfen. „All Melody“ sei zunächst ein mehrere Jahre altes Fragment gewesen, erzählt der 35-Jährige. Im Gegensatz zu früheren, stillen Werken ließ er sich diesmal von anderen Musikern begleiten.

Hochkomplex und hauchzart

Neben Trompete, Schlagzeug, Cello und Bratsche ist sogar ein zwölfköpfiger Chor zu hören. Ein „Orchester aus Flötenklängen“ wollte Frahm zudem aus seinen Keyboards generieren – es ist ihm auf verblüffend stimmige Weise gelungen. Dass diese hochkomplexe, oft hauchzarte, gelegentlich aber auch bis in pulsierenden Techno ausgreifende Musik nicht zu Ethnokitsch oder Synthie-Bombast verkommt, muss man dem Klangzauberer hoch anrechnen.