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Er trat mehrfach in der Region auf – auch mit dem Südwestdeutschen Kammerorchester, wie hier beim Schwarzwald Musikfestival: Giora Feidman.  Foto: Dolacek 

Klarinettist Giora Feidman wird 85 – und nimmt Corona pragmatisch

Tel Aviv/Pforzheim. Musiker haben es schwer in Pandemie-Zeiten: Lockdown-Phasen können die Kreativität trüben, Corona-Regeln verhindern Konzerte. Doch Giora Feidman blockt schwere Gedanken ab, zumindest in künstlerischer Hinsicht. „Ich habe Zeit. Ich nehme Musik auf“, sagt der Klarinettist. „Für mich war das Virus eine Gelegenheit.“ Feidman, der den Großteil seines Lebens in Israel verbracht hat, verzaubert seit Jahrzehnten mit seiner Klezmermusik. Einen Auszug seiner Corona-Schaffensphase enthält die CD „85“, die anlässlich seines Geburtstags erscheint. Feidman wird an diesem Donnerstag 85 Jahre alt.

Der Klarinettist spielt vor allem die Musik seiner Vorfahren, die aus Bessarabien stammen, was dem heutigen Moldawien und der südlichen Ukraine entspricht. Es ist die Musik osteuropäischer Juden, wie sie seit Generationen auf Hochzeiten und Geburtstagen erklingt – ausgelassen und wehklagend, beschwingt und nachdenklich. Aber auch Tangos aus seiner argentinischen Heimat oder klassische Stücke gehören zu Feidmans Programm. Eine Woche vor der CD veröffentlicht er bereits ein neues Buch mit dem Titel „Klang der Hoffnung“. Für Feidman ist es ein „großes Geschenk“. „Ich wollte meine Erfahrungen teilen“, erklärt er. „Ich habe so viel erlebt, womit ich dem Leben anderer Menschen etwas beitragen kann.“ Feidman blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Geboren wurde er 1936 in Buenos Aires. Schon als Kleinkind fasziniert ihn das Klarinettenspiel seines Vaters. Ab und zu schnappt er sich dessen Instrument und probiert ein paar Töne. Irgendwann spielen sie stundenlang Duette und musizieren auf Festen. Mit 18 Jahren wird Feidman Klarinettist am Teatro Colón, der berühmten Oper in Buenos Aires. Mit 21 bekommt er eine Stelle beim Israelischen Philharmonieorchester in Tel Aviv. Irgendwann sagt er: Wir können auch was anderes – und spielt Klezmer. Wenig später verlässt er das Orchester.

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175 Jahre Saxofon: Instrument hat die Jazz-Welt auf den Kopf gestellt

In Deutschland wird Feidman 1984 mit Peter Zadeks Inszenierung von Joshua Sobols Holocaust-Stück „Ghetto“ bekannt. Er spielt die Klarinettenmelodien in Steven Spielbergs Holocaust-Drama „Schindlers Liste“ (1993) ein – für die Musik gibt es einen Oscar. Auch in den deutschen Filmen „Jenseits der Stille“ (1996) von Caroline Link und „Comedian Harmonists“ (1997) von Joseph Vilsmaier ist er zu hören.

Corona-Zeit in Deutschland verbracht

Seinen Geburtstag feiert der mehrfache Großvater fernab seiner Familie. Normalerweise lebt Feidman in einem Dorf bei Tel Aviv, Israel betrachtet er als Heimat. Doch die vergangenen neun Monate verbrachte er in Deutschland. Die wechselhaften Corona-Regeln Israels schrecken ihn von einer Rückreise ab. Zudem wartet er auf eine Impfung. Nun wolle er aber bald versuchen, nach Hause zu reisen, sagt Feidman.

Zwischen Melancholie und Lebensfreude als Botschafter des Friedens in der Christuskirche, bei den Maulbronner Klosterkonzerten oder im CCP – in der Region war Feidman häufig zu Gast. Auch die Musiker des Südwestdeutschen Kammerorchesters erinnern sich gern und lebhaft an die gemeinsamen Konzerte und Projekte, darunter eine große Europa-Tournee mit Konzerten in der Berliner, der Kölner und der Münchner Philharmonie, im Konzerthaus Ronacher in Wien und in der großen Synagoge. Zwei CDs hat Feidman mit dem„Südwestdeutschen“ eingespielt: eine Aufnahme mit Musik von Astor Piazzolla und eine mit Werken der israelischen Komponistin Ora Bat Chaim. Nach dem Konzert in Budapest soll er den Orchestermitgliedern ein besonders schönes Kompliment gemacht haben: „Liebe Freunde, wenn in eurem Orchester mal eine Stelle als Klarinettist frei wird – ich komme sofort!“

In Feidmans Händen scheint das Instrument zu schluchzen, zu spotten, zu jauchzen oder zu weinen. Er plant, in den kommenden Monaten wieder auf der Bühne zu stehen. Doch ob dies wirklich so kommt, bleibt unklar. Feidman nimmt es pragmatisch. „Wenn ich eingeladen werde, dann gehe ich“, sagt er. „Andernfalls werde ich weiter Platten aufnehmen.“

Mit Material von Sebastian Engel

Michael Müller

Michael Müller

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