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Kirchenlieder in neuem Gewand: Marion Matter sorgt für Gänsehaut.
Kirchenlieder in neuem Gewand: Marion Matter sorgt für Gänsehaut.
Der Motettenchor singt unter Leitung von Kord Michaelis die Komposition „Der Mensch lebt und bestehet nur eine kleine Zeit“. Moderne Werke interpretieren die St. Francis-Singers unter dem Dirigat von Diethard Stephan Haupt.  Molnar
Der Motettenchor singt unter Leitung von Kord Michaelis die Komposition „Der Mensch lebt und bestehet nur eine kleine Zeit“. Moderne Werke interpretieren die St. Francis-Singers unter dem Dirigat von Diethard Stephan Haupt. Molnar
04.07.2016

Klingende Schlosskirche begeistert mit Kurkonzerten

Kaum klingt die graziöse Gambenmusik aus, schon ertönen altbekannte Kirchenlieder in neuem Gewand. Und während vor der Tür das Fußball-EM-Spiel von Deutschland gegen Italien verfolgt wird, schallt drinnen festliche Trompetenmusik von der Empore. Das dreieinhalbstündige Programm der „Klingenden Schlosskirche“ konnte kaum abwechslungsreicher sein. Barockes, Romantisches und Modernes ist dabei, mal gesungen, mal gespielt.

Jede halbe Stunde tritt ein anderes Duo oder Ensemble auf. Ab und zu quietscht die Tür, neue Besucher kommen herein. Manche bleiben nur bei einigen der sechs Kurzkonzerte, andere verweilen bis zum Schluss, den die neue Stadtkirchenkantorin Heike Hastedt zu später Stunde mit der Jugendkantorei bestreitet. Die jungen Sänger haben vorher Cocktails ausgeschenkt, präsentieren nun Abendlieder wie „Der Mond ist aufgegangen“ und regen die Zuhörer zum Mitsingen an. Der Reigen schließt sich. Denn schon zum Auftakt des Abends, den das evangelische Bezirkskantorat als Abschluss des Treffens der Chöre aus den Kirchenbezirken Pforzheim-Stadt und -Land veranstaltete, gab es moderne Chorlieder. Die St.-Francis-Singers unter Leitung von Diethard Stephan Haupt singen Webbers „Phantom of the Opera“ und Cohens „Halleluja“, nicht immer ganz rein, aber gefühlvoll. Viel Ruhe in die Kirche bringen „Les Deux Violes“ mit Rahel Klein (Viola da Gamba/Barockvioloncello) und Georg Noeldeke (Viola da Gamba/Violone), die mit französischer Barockmusik faszinieren. Bezaubernd, welche Anmut, Wärme und doch auch energische Kraft von ihrem Spiel auf den bis zu siebensaitigen Instrumenten ausgeht, so etwa bei einem Rondeau von Marin Marais, der das Stück seinem Förderer Jean-Baptiste Lully widmete.

Gänsehaut erzeugt die Pop- und Jazzsängerin Marion Matter aus Meißenheim, die mit dem Karlsruher Pianist Christoph Georgii das Programm „ChoralNeuWerk“ präsentiert – und Kirchenlieder auf angenehm unaufdringliche Art neu interpretiert. Mit ihrer hellen und klaren Stimme, ebenso engelsgleich wie stimmgewaltig, verleiht sie Liedern wie „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ einen verträumt-jazzigen Klang, belässt „Großer Gott, wir loben Dich“ wunderbar schlicht. Die Arrangements stammen von Georgii, der mit elektrisierten Fingern und Beinen gekonnt improvisiert. Am meisten vom Original weicht das Duo mit „Nun danket alle Gott“ ab, das zur Groove-Version gerät und den Zuhörern gefällt.

In die Zeit der Romantik entführt das auf 13 Streicher reduzierte Bachorchester unter Leitung von Kord Michaelis, der mit einem Griff ins Repertoire zwei Werke aus der ersten Bachstunde wiederaufführt. Unter den drei Sätzen aus Carl Reineckes Serenade g-Moll op. 242 befindet sich die ausdrucksvolle Cavatine mit melancholischem Solo-Cello.

In Gedenken an den jüngst verstorbenen Kirchenmusiker Rolf Schweizer trägt der Motettenchor Pforzheim dessen Motette „Der Mensch lebt und bestehet nur eine kleine Zeit“ vor. Eindringlich besonders der Kontrast zwischen der kraftvollen Zeile „Und der ist allmächtig“ und dem zarten „Und der ist heilig“. Gegensätzlich gestaltet ist auch die Bachmotette „Jesu, meine Freude“ (BWV 227), mal mit beruhigenden Chorälen a cappella, mal mit polyphoner Wechselseitigkeit. Nicht zuletzt tragen auch Franz Tröster (Trompete) und Bezirkskantor Wolfgang Bürck (Orgel) mit Händel und Tartini zur vielfältigen Klangpracht bei. Und so singt und klingt es noch lange in der Schlosskirche.