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Der Cellist László Fenyö spielt beim zweiten Abo-Konzert des Südwestdeutschen Kammerorchesters Pforzheim Vivaldi und Haydn. Ketterl
Der Cellist László Fenyö spielt beim zweiten Abo-Konzert des Südwestdeutschen Kammerorchesters Pforzheim Vivaldi und Haydn. Ketterl
15.11.2016

Klingende Vorlesung - Südwestdeutsches Kammerorchester spielt „Auf zur Klassik!“

Ein Konzert ist mehr als Musikunterricht. Und wer das Klassenzimmer im Konzertsaal sucht, ist fehl am Platz. Dass ein gewisser pädagogischer Anspruch aber durchaus guttun kann, zeigt das zweite Abokonzert des Südwestdeutschen Kammerorchesters Pforzheim (SWDKO). „Auf zur Klassik!“, hat Chefdirigent Timo Handschuh den Abend überschrieben.

Zusammen mit dem Cellisten László Fenyö präsentiert er im gut besuchten CongressCentrum Pforzheim (CCP) eine Vorlesung in der Geschichte zweier Gattungen – eine klingende zum Glück – und eine begeisternde noch dazu.

Welche Facetten die Formen „Sinfonie“ und „Konzert“ beinhalten können, zeigt der Gang durch die Epochen. Die erste Konzerthälfte ist dem Barock mit Vivaldi und Händel gewidmet; ganz klassisch tönt die zweite mit Haydn und Mozart. Was im ersten Augenblick abstrakt und blutleer scheint, geht im Lauf des Abends doch auf: Es ist ein lehrreiches Konzert, ein langweiliges aber ist es nicht.

Dazu beginnt es ja auch viel zu energetisch mit Vivaldis „sinfonia“ RV 146. Dass die Gattung hier noch wenig gemein hat mit den intellektuellen Würfen späterer Jahre, zeigt der venezianische Meister auf. Der Effekt steht im Vordergrund, das wilde Rasen des Orchesters. Aber auch die bedächtigen Töne des zweiten Satzes, in dem die Geigen so ätherisch singen dürfen, dass es eine Freude ist. Und ein Wundern darüber, dass Vivaldi solche Musik wie am Fließband produziert hat.

Atemberaubendes Skalenwerk

Ganz anders schon klingt Händels Concerto grosso B-Dur aus der Sammlung op. 6: dunkler, satter – mit einer ganz anderen Klangwelt und Konzeption. Mit Stimmen, die viel eigenständiger geführt sind, sich auch schon mal zur Fuge ordnen. Behäbiger, verkopfter, kniffliger. Aber nicht weniger spannend. Mit zwei Cello-Konzerten von Vivaldi komplettiert sich das barocke Tableau. Hier ist alles bereitet für den Star des Abends: Fenyö, der mit seinem Cello den ganzen Witz und Geist der Konzertform zum Leuchten bringt. Da ist atemberaubendes Skalenwerk, mit dem sich das Bassinstrument virtuos aus dem Orchester erhebt und es bald überglänzen will. Oder Raum einfordert für den freien Gesang in den langsamen Sätzen, in denen Fenyö die breite Palette des Ausdrucks beherrscht. Indem er auffällt durch wundervoll differenziertes Vibrato und eine Dynamikgestaltung, die oft ins plötzlich Leise geht als Mittel der Betonung.

Das alles steht ihm auch bei Haydns 1. Cellokonzert zur Verfügung, das nach der Pause die klassische Konzerthälfte eröffnet. Was aber im ersten barocken Teil noch säuberlich getrennt war, fällt jetzt in eins. Da gab es Sätze von rasender Motorik, mit Effekt und Drama – ein andermal den reinen Gesang, in weiten Bögen sich aufspannend. Hier gibt es das alles auch. Aber näher beieinander, nicht mehr fein säuberlich getrennt nach Sätzen. Es sind die Kontraste, die den klassischen Stil markieren. Das Cello setzt schon anders ein, hat sich mit dem tiefen Register eine andere Klanglichkeit erobert. Es findet sich im virtuosen Skalenwerk zurecht, Sekunden später im Gesang, auf einmal ganz alleine unbegleitet, dann ganz im Orchestertutti gelegen. Der Höhepunkt ist der zweite Satz, in dem Fenyö Haydn in die gedankenvollsten melodischen Wendungen folgt – und am Ende so gekonnt mit der Klangfarbe spielt, dass man aus dem Cello beinahe eine Gambe hört. Durch den fahlen, vibratolosen Ton, den der Cellist vor allem mit der Bogenspitze erzeugt.

Bravorufe und Zugabe

Nach dem rasanten Finale gibt es Bravorufe und echte Begeisterung für den ungarischen Meister. Der ehrt mit seiner Zugabe den kürzlich verstorbenen Kollegen Zoltán Kocsis. Die Totenklage stimmt er ihm an mit der auf einmal so morbid wirkenden Sarabande aus Bachs fünfter Cello-Suite. Töne voller Innigkeit durchschreien den Saal. Fenyö hat darum gebeten, dem Anlass entsprechend, ohne Applaus die Bühne verlassen zu dürfen. Doch das Publikum klatscht in die Stille hinein, die der Trauer gelten sollte.

Danach zeigt das SWDKO mit Mozarts 17. Sinfonie – einer geistreichen Kleinigkeit – eine Einigkeit in Ausdruck und Ausführung, die in dieser Intensität neu ist. Warmer Applaus beschließt den Abend, der so viel mehr war als bloßer Musikunterricht.