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05.06.2008

König Fußball zieht ins Museum ein

KARLSRUHE. Ein letzter Aufruf des Trainers an die Mannschaft, das Klackern der Stollen im Gang, Blitzlichtgewitter und das ferne Grölen aus der Fankurve: Die Stimmung in einer Umkleidekabine und in der Stadion-Katakombe ist legendär – und pünktlich zur Europameisterschaft sogar ins Museum eingezogen.

Neben der Installation einer Kabine mit Lautsprecheratmosphäre will eine Ausstellung in Karlsruhe vor allem den leidenschaftlichen Fußballfan während des EM-Turniers vergnügen. Unter dem Titel „Gib mich die Kirsche“, angelehnt an den entsprechenden Ausruf von Fußball-Idol Lothar Emmerich, nähern sich die Veranstalter nicht nur nostalgisch, sondern auch wissenschaftlich und amüsiert dem runden Leder.

An den tragischen Höhepunkt des Fußball-WM-Finales vor zwei Jahren, den „Kopfstoß“ von Zinédine Zidane, nähert sich Harun Farocki mit seiner Videoinstallation „Deep Play“. Bereits auf der documenta 12 in Kassel gezeigt, seziert er das Endspiel zwischen Italien und Frankreich in zwölf Perspektiven und auf ebenso vielen Monitoren. Zeitgleich zeigen Kameras unter anderem Original-Bilder, Aufnahmen von Überwachungskameras und Grafiken einer mathematischen Analyse.
„Fußball ist ein Phänomen, das inzwischen alle sozialen Schichten und Bevölkerungsgruppen erfasst hat“, erklärt Uwe Hochmuth, Prorektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung (HfG). „Auch intellektuelle Kreise und die sogenannte Hochkultur stehen ungeniert zur Faszination des Fußballs.“ „Gib mich die Kirsche“ versuche, den Sport neben wissenschaftlichen Studien auch philosophisch zu betrachten und amüsante Interpretationen zu wagen.

Zusammengestellt von der Karlsruher HfG und dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) nehmen die Künstler den Fußball unter anderem als geometrischen Körper unter die Lupe. Es wird Spielzügen, Ballverhalten und der Inszenierung von Eröffnungsfeiern auf den Grund gegangen. Mit der Obstschale „Cordoba“, einem mit Pflaumen gefüllten Fußball, erinnert Produktdesigner Volker Albus augenzwinkernd an die WM in Argentinien vor 30 Jahren: Die deutsche Elf unterlag damals als amtierender Weltmeister den Österreichern und schied aus dem Turnier aus.

Andere mal berühmte, mal berüchtigte Momente der Fußballgeschichte hält die Installation „Hacke, Spitze, Tor!“ fest: Sie visualisiert plastisch das umstrittene „Wembley-Tor“ ebenso wie den entscheidenden Elfmetertreffer zum deutschen WM-Sieg 1990 und das entscheidende „Golden Goal“ bei der EM 1996. In Kurzfilmen versuchen unter anderem Regisseur Wim Wenders und Schauspieler Jürgen Vogel zu erklären, was eigentlich das „Abseits“ bedeutet – im Fußball wie im Leben. Mit seinen „Bildern einer Ausstechung“ wirft Jörg Globas einen Blick auf den heiligen Rasen: Für sein Projekt stachen die Platzwarte die Anstoßpunkte der Stadien in der Saison 2001/2002 aus, ließen sie fotografieren und setzten sie wieder ein.

Und immer wieder ruft die Ausstellung ihre Besucher auf, selbst Anlauf zu nehmen – so soll der Fußballfreund mit der interaktiven „Goalmachine“ dem Phänomen der gekrümmten Flugbahn, der sogenannten Bananenflanke, auf die Schliche kommen. Dabei ermitteln Sensoren, die an einem in den Boden eingelassenen Fußball angebracht sind, die Richtung und Schusskraft des Schützen, auch die Windrichtung und Balldrehung lässt sich einstellen. Außerdem stehen Tischfußball und Spielkonsolen vor allem für jüngere Besucher bereit.