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Winfried Theis, Programmrat im KoKi (rechts) führt in den Film ein, und Raphael Mürle lässt Puppe Oskar Schneider Spannendes demonstrieren.  Seibel/dpa
Winfried Theis, Programmrat im KoKi (rechts) führt in den Film ein, und Raphael Mürle lässt Puppe Oskar Schneider Spannendes demonstrieren. Seibel/dpa
Michael Stone ist der Protagonist in dem Animationsfilm „Anomalisa“.
Michael Stone ist der Protagonist in dem Animationsfilm „Anomalisa“.
25.03.2016

Kommunales Kino zeigt „Anomalisa“ mit Erläuterungen von Raphael Mürle

Pforzheim. Die Geschichte ist schnell erzählt: Michael, gefeierter Autor zahlreicher Sachbücher, ist ausgebrannt. Seine Frau, die Kinder, die Freunde, ja alle Menschen um ihn herum gleichen sich wie ein Ei dem anderen, sprechen mit der gleichen Stimme. Erdrücken Michael in ihrer Uniformität.

In der Mitte seines Lebens geht nichts mehr voran – schon gar nicht bei seinem Trip nach Cincinnati, wo er eine Motivationsrede halten soll. Michael flüchtet – in die Arme einer jungen Frau, die den Starautor bewundert. Doch nach einer schnellen Nummer im Hotelzimmer, nach der gegenseitigen Versicherung großer Liebe merkt Michael: Auch dies ist kein Ausweg aus der Lebenskrise. Und Lisa, von ihm wegen ihres andersartigen Aussehens „Anomalisa“ genannt, verliert ihre für ihn so betörende Stimme. Spricht wie alle anderen auch.

Klingt nach zwei perfekten Rollen für berühmte Hollywoodschauspieler. Doch Charlie Kaufmann („Being John Malkovich“) lässt Puppen spielen, in Stop-Motion-Technik, bei der die Spielfiguren für jede Einstellung neu positioniert werden müssen. Kaufmann benötigt für 91 Minuten Spiefilmlänge 134 000 Bilder.

In Venedig preisgekrönt

Irritierende eineinhalb Stunden, denn Kaufmann und Animationsspezialist Duke Johnson gestalten ihre Puppen so lebensecht, dass eine emotionale Distanz schwerfällt – weder zur schüchternen Lisa noch zum Unsympath Michael mit grauem Haar und Bauchansatz. Doch so leicht macht es der Film, der in Venedig mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde, dem Betrachter dann doch nicht. Denn den Puppen läuft ein Spalt durchs Gesicht, entpuppen sich die bewegte Physiognomie, der schüchtere Augenaufschlag, die steile Zornesfalte letztlich nur als Teil einer Maske, die Michael und Lisa ständig vom Gesicht zu gleiten droht.

Doch wie unglaublich leicht, sich diese Identifikation mit einer menschlichen Puppe herstellen lässt, das demonstriert Figurenspieler Raphael Mürle an diesem Filmabend im Kommunalen Kino. Denn es reicht schon, wenn er seiner Oskar-Schneider-Puppe die Hand durch den Hemdärmel schiebt, seine eigenen Beine unter deren rotem Jackett platziert – „und sehen Sie, schon hat die Puppe meinen Körper annektiert“, sagt Mürle: „Mich blenden Sie dann völlig aus.“ Und wie im Film hat auch Oskar Schneider deutlich größere Hände, einen überdimensionierten Kopf. „Bei Menschen macht der Kopf ein Zehntel der Körpergröße aus, bei Puppen ist es ein Fünftel“, schildert der Figurenbauer ein Prinzip, das sich auch Kaufmann und Johnson zu eigen gemacht haben. Sandra Pfäfflin