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Um zu erklären, wie Partnerschaft in Deutschland funktioniert, spielt Sophie (Caroline Klütsch) mit Diallo (Derek Nowak) mit Puppen. Bernd Boehner
Um zu erklären, wie Partnerschaft in Deutschland funktioniert, spielt Sophie (Caroline Klütsch) mit Diallo (Derek Nowak) mit Puppen. Bernd Boehner
10.05.2019

Komödie um Flüchtling als Gastpiel in Kulturhalle Remchingen

Remchingen. Donnernden Beifall gab es am Donnerstagabend in der ausverkauften Kulturhalle Remchingen für das Tournee-Theater Thespiskarren unter der Regie von Michael Bleiziffer. Die Komödie „Willkommen bei den Hartmanns“ nach dem gleichnamigen Film von Simon Verhoeven nimmt die deutschen Befindlichkeiten nach der so genannten Flüchtlingskrise vor vier Jahren auf die Schippe.

Vorsicht, Baustelle! Rund um die Kulturhalle wird derzeit städteplanerisch aufgehübscht. Am Eingang mussten sich die Besucher am Bauzaun vorbeischieben und über die eine oder andere Dreckpfütze einen großen Schritt machen. Das Publikum nahm es gelassen. Ein bisschen Baustelle ist immer.

Da passte es bestens, dass im Bühnenbild bei den Hartmanns hinten ein großes Baugerüst stand, wohl ein Symbol für den psychischen Umbau, den die unterhaltsam porträtierte Familie im Stück zu bewerkstelligen hat. Vater Richard Hartmann, grandios gespielt von Steffen Gräbner, ist ein von Altersangst gepeinigter Oberarzt. Mutter Angelika Hartmann, mit Antje Lewald bestens besetzt, erlebt als pensionierte Schuldirektorin die Überflussgesellschaft als Frust und sucht nach einem sozial sinnvollen „Projekt“. Deshalb schlägt sie ihrer Familie vor, einen Flüchtling bei sich zuhause aufzunehmen. Von da an machen in den Dialogen unzählige Gags zwischen Willkommens-Euphorie und Überfremdungs-Panik die Runde.

Anfangs total dagegen ist der in Scheidung lebende Sohn Philipp, den Schauspieler Marc-Andree Bartelt als smarten, aber genervten Businessmann gibt. Verklärt romantisch reagiert hingegen die Tochter Sophie. Mit stets erfrischendem Lachen füllt Schauspielerin Caroline Klütsch diese Rolle der jungen Frau, die ihr inhaltsleeres Leben nach abgebrochenen Studiengängen und gescheiterten Partnerschaften als große und für Deutschland typische Freiheit der Frauen verstanden wissen will.

Super lustige Szenen

Das schildert sie dem unbedarften Diallo, dem Flüchtling aus Nigeria, den die Hartmanns schließlich bei sich aufnehmen. Der fragt sie geradewegs ins Gesicht, warum sie, mit jetzt schon 30, noch keine Kinder habe? Hier prallen Welten der Demografie aufeinander. In Nigeria sei das anders!

Solche kulturellen Unterschiede personalisiert auf die Bühne zu stellen, ist super lustig. Etwa wenn Diallo Sophie ermahnt, ihrem Vater – der daneben steht – mehr Respekt entgegenzubringen mit dem Argument: „Er ist ein alter Mann!“ Das ist ein Lacher im Publikum, weil eben jener Vater sich aufreißt, kein alter zu sein. Zuvor hat er sich von seinem Kumpel und Schönheitschirurgen, gespielt von Peter Clös, die Falten wegspritzen lassen.

Mit brennenden Fackeln

Derek Nowak überzeugt als Diallo mit seiner ruhigen, neugierigen und freundlichen Art. Bewegend ist sein Monolog, wenn er endlich von der Vergangenheit und dem Morden der Boko Haram erzählt. Ganz Komödie ist, dass ihm diejenigen die größten Probleme bereiten, die ihn eigentlich willkommen heißen. Sie machen Party, rufen dabei aber wegen Lärm und Drogen die Polizei auf den Plan, die prompt den Flüchtling als Verursacher ausmacht. Das ist ungerecht, aber irgendwie auch komisch, genauso wie die von den Nachbarn geschürte Angst vor „dem Islamisten“. Mit brennenden Fackeln schreien sie vom Baugerüst runter.

Dem Happy End kann der unfaire Protest aber nichts anhaben, was auch die Hauptbotschaft des Stücks ist. Am Ende sind alle Hartmanns für Diallo und feiern so richtig Party.