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Der Künstler Ai Weiwei in seinem Atelier im Prenzlauer Berg.  Kappeler
Der Künstler Ai Weiwei in seinem Atelier im Prenzlauer Berg. Kappeler
28.08.2017

Künstler, Aktivist, Freiheitskämpfer: Ai Weiwei wird 60

Während des Konzerts spricht er kein einziges Wort mit seinem Publikum. Aber das muss er auch nicht: Bernd Glemser lässt seine Spielweise für sich sprechen.

XUnd er sammelt für spektakuläre Installationen die Rettungswesten gestrandeter Flüchtlinge aus dem Mittelmeer.

Alles bei Ai Weiwei ist groß und plakativ – und von ungeheuerem Furor getrieben: Chinas berühmtester Künstler, der nach seiner Verfolgung durch das Pekinger Regime seit zwei Jahren in Berlin lebt, will den Vergessenen und Verfolgten dieser Welt eine Stimme geben. Heute wird der Bildhauer, Konzeptkünstler und Menschenrechtsaktivist 60 Jahre alt. Jedenfalls steht es so in seinem Pass, auch wenn andere Quellen den 19. Mai nennen.

Sein wohl schönstes Geburtstagsgeschenk hat Ai schon bekommen. Bei den Filmfestspielen in Venedig (8.August bis 9. September) ist sein Dokumentarfilm „Human Flow“ über die globale Flüchtlingskrise für einen Goldenen Löwen nominiert. Ein Jahr lang ist der Künstler um den Globus gereist, hat in 23 Ländern mit Menschen gesprochen, die wegen Hunger und Naturkatastrophen, Krieg und Gewalt ihre Heimat verlassen mussten. In den vergangenen Jahren seien Tausende Menschen im Mittelmeer umgekommen, sagte er, als er bei einer Ausstellung in Prag eine gigantische Schlauchboot-Installation enthüllte. „Das ist sowohl eine Tragödie als auch ein Verbrechen.“

Heimatlosigkeit und Entwurzelung sind auch in seinem Leben prägende Erfahrungen. Weil sein Vater, der chinesische Dichter und Maler Ai Qing, wegen seiner Regimekritik 20 Jahre lang aus Peking zwangsverbannt ist, wächst der Junge in Chinas Randprovinzen auf. Nach einem Studium in Peking lebt er zwölf Jahre in New York, lernt die Kunstszene kennen und macht mit ersten Arbeiten auf sich aufmerksam.

Zurück in Peking gerät er als „soziales Gewissen“ des Milliardenvolks zunehmend ins Visier der Behörden und in Haft. Als Ai 2015 endlich ausreisen darf, ist Berlin für ihn der selbstverständliche Zufluchtsort. An der Universität der Künste wartet die dreijährige Gastprofessur – und vor allem leben hier sein Sohn und seine Lebensgefährtin.