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Das berühmteste Gemälde von Diego Velázquez: „Las Meninas“, die Hoffräulein, von 1656.  dpa/Archiv/Museo de Escultura
Das berühmteste Gemälde von Diego Velázquez: „Las Meninas“, die Hoffräulein, von 1656. dpa/Archiv/Museo de Escultura
Besucher schauen sich in Berlin in der Gemäldegalerie die Skulptur „Der tote Christus“des spanischen Künstlers Gregorio Fernández an.
Besucher schauen sich in Berlin in der Gemäldegalerie die Skulptur „Der tote Christus“des spanischen Künstlers Gregorio Fernández an.
26.10.2016

Kunsthistorikerin stellt im PZ-Forum Spaniens „Goldenes Zeitalter“ vor

Pforzheim. Allein über dieses Bild könnte man einen ganzen Abend lang sprechen“, sagt Claudia Baumbusch. Doch die Kunsthistorikerin wäre nicht die spannende Erklärerin von Kulturgeschichte, wenn sie sich bei ihrem Vortrag im PZ-Forum allein auf die „Las Meninas“, die kleinen Hoffräulein, von Diego Velázquez, konzentrieren würde – so faszinierend das Gemälde auch sein mag. Baumbusch setzt stattdessen zum Parforceritt durch ein ganzes Jahrhundert an: das „Goldene Zeitalter“ Spaniens von 1580 bis 1680.

„Hier wird eine Zeit verherrlicht, in der eigentlich nur die Künste und die Kultur blühten“, schildert sie. Denn in weiten Teilen Europas tobte der Dreißigjährige Krieg. „Selbst wenn Spanien nur außerhalb seiner Grenzen in Kämpfe verwickelt war, wütete doch die Pest und suchten schlimme Hungersnöte das Land heim.“

Dass allerdings die Kultur einen so ungewöhnlichen Aufschwung nahm, liegt zu großen Teilen am – bereits untergehenden – Stern der Habsburger Monarchie. Vor allem Philipp IV. (1605 bis 1665) war nicht nur der letzte spanische König, der eine wirkliche Großmachtpolitik betrieb, sondern auch der größte Kunstsammler seiner Zeit, „dem wir die großartige Sammlung des Prado verdanken“, sagt die Kunsthistorikerin. Der Habsburger macht unter anderem Diego Velázquez zu seinem Hofmaler. El Greco, Bartolomé Esteban Murillo, Francisco de Zurbarán – sie alle stehen für die Kunst des „Siglo de Oro“, die bis 30. Oktober in einer umfangreichen Ausstellung in Berlin präsentiert wird.

Was ist so neu, so anders an der Kunst der Spanier in dieser Zeit am Übergang vom Manierismus zum Barock? Es ist zum einen der Kontrast zwischen der naturalistischen und spirituellen Ausrichtung, der manchmal zu fast surrealen Bildfindungen führt. Und: „Der Betrachter wird ins Bild hineingezogen“, sagt Baumbusch. Gerade bei den religiösen Motiven – auch als Reaktion auf die Reformation – ist Mitleiden angesagt. Denn wer kann sich schon einem lebensgroßen, blutüberströmten Christus entziehen, wie ihn Gregorio Fernández in seiner farbig gefassten Skulptur entwirft. Wer strebt nicht mit Maria in der „Unbefleckten Empfängnis“ von El Greco gen Himmel, wenn die Engel so einladend den Weg weisen?

Die spanische Kunst des „Goldenen Zeitalters“ ist eine ganz eigene – eine, aus der das Lächeln verbannt scheint. In dem selbst grandiose Stillleben, die sogenannten „Bodegónes“, die Vergänglichkeit des Menschen stetig vor Augen führen. Etwa das Bücher-Stillleben eines madrilenischen Künstlers um 1630 – „das für mich tollste Bild der Ausstellung“, sagt die Kunsthistorikerin, „kann man doch die einzelnen Seiten, die schon viele Hände umgeblättert haben, beinahe fühlen“.

Einladung zum Mitdenken

Der Betrachter ist aufgefordert, sich mit seinen Gedanken und Vorstellungen die Bildwelt zu eigen zu machen. Wie so eine Einladung zum Mitfühlen und Hineindenken aussieht, das zeigt Zurbarán in seinem Gemälde „Schweißtuch der heiligen Veronika“ von 1658. Von einem tiefroten Hintergrund hängt ein Tuch frei im Raum und zeigt im Zentrum den schwachen Abdruck des Christus-Gesichts – ganz in zartem Ocker und Karminrot, kaum wahrnehmbar und darauf ausgerichtet, „es mit den Augen der Einbildungskraft zu sehen“, wie es Ignatius von Loyola in seinen „Geistlichen Übungen“ forderte.

Und einmal, da darf sich der Betrachter sogar als König fühlen: Wer sich die 3,18 mal 2,76 Meter großen „Meninas“ genauer anschaut, der entdeckt im Hintergrund einen Spiegel, der anscheinend genau den Ort reflektiert, den der Betrachter vor dem Bild einnimmt. Nur dass sich in diesem Spiegel die Oberkörper von Philipp IV. und seiner Gattin Maria Anna zeigen.