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Der Pforzheimer Rainer Bartels in der Ausstellung „big“ in der Galerie Brötzinger Art vor einem Bild von Cynthia Simon.
Der Pforzheimer Rainer Bartels in der Ausstellung „big“ in der Galerie Brötzinger Art vor einem Bild von Cynthia Simon.
10.08.2017

Kunstsammler Sammler Rainer Bartels: „Lagerverwalter auf der Suche nach Freiheit“

Der Pforzheimer Rainer Bartels gründete zusammen mit dem Künstler Heinz Treiber vor 41 Jahren die Galerie Brötzinger Art, eröffnete nach dem Verkauf seiner nukleartechnischen Betriebe 1998 und einer Totalrevision des von ihm gekauften historischen Markgräflerhofes das Künstlerhaus in Basel und richtete vier Jahre später die Stiftung „Zum kleinen Markgräflerhof“ ein.

So ermöglicht er seit vielen Jahren Gästen aus der Bildenden Kunst, aus Musik und Literatur in den Ateliers des acht-stöckigen Altstadthauses am Rhein zu leben und zu arbeiten.

PZ: Woher kommt Ihre Verbindung zur Bildenden Kunst? Und wie tief ist Bildende Kunst – oder auch Kunst generell – mit Ihrem Leben verbunden?

Rainer Bartels: Mein Großvater war ausgebildeter Kunstmaler, ich verbrachte viel Zeit in seinem Atelier. Aber nach dieser ersten Begegnung mit Kunst habe ich zwei völlig andere Studien absolviert, war viele Jahre in der Nukleartechnik tätig. Allerdings mündeten da bereits viele Arbeitsgespräche mit Kunden in immer längeren Unterhaltungen und Diskussionen über Kunst. Große Bedeutung hatte in diesem Zusammenhang die Freundschaft mit Heinz Treiber. Durch die Gründung des Künstlerhauses in Basel und die Stiftung „Zum kleinen Markgräflerhof“ ist Bildende Kunst fest in meinem Leben verankert – nicht zuletzt ist ja auch meine Lebensgefährtin Anina Gröger Malerin. Wie wichtig der Kunstbereich für mein Leben geworden ist? Die Beschäftigung mit Kunst ist eine sehr persönliche Bildungsfrage und die Möglichkeit der Auseinandersetzung mit Themen, an die ich als Kaufmann und Techniker nie herangekommen wäre. Es ist einfach auch ein Stück Lebensfreude.

PZ: Sie haben, wie man spätestens seit den Ausstellungen in der Galerie Brötzinger Art weiß, eine große Sammlung von Kunstwerken. Die entsteht nicht von heute auf morgen. Erinnern Sie sich noch an den Beginn?

Rainer Bartels: Es gab schon früh Bilder, die mich fasziniert haben und die ich als inneren, abrufbaren Wert „besitzen“ wollte. Ansammlungen dieser Werte schließlich gestalten sich aus einer Mischung von Arten und Formaten, es sind aufblitzende Zufälle, die große Gefühle und Wünsche hervorrufen. Ich erinnere mich: Ich war vielleicht 18 Jahre alt, als ich bei Axel Hertenstein ein Bild gesehen habe, das mir gefiel. Ich wollte es haben, konnte es mir damals bei einem Preis von 90 Mark aber nicht leisten. „Ich hebe es dir auf“, hatte Hertenstein versprochen. Eines Tages, als ich richtig Geld verdient habe, fragte ich nach. Ich wollte es immer noch haben – und er hatte es tatsächlich für mich aufgehoben. Es kostete, wie damals, 90 Mark.

PZ: Was treibt Sammler dazu, etwas zu kaufen? Ist es die emotionale Bindung an ein Bild oder das Bewusstsein, hier auf etwas gestoßen zu sein, dessen Erwerb sich – in welchem Sinn auch immer – lohnen würde?

Rainer Bartels: Ich bin kein Sammler im eigentlichen Sinn, das macht abhängig. Mir geht es beim Kauf eines Bildes oder einer Skulptur darum, mich mit der Aussage eines Künstlers länger beschäftigen zu können, dieses immer dann wiederholen zu können, wenn mir danach ist. Das Wort Kauf widerstrebt mir dabei: Ich gebe dem Künstler etwas, damit er mir die Werthaltung Kunst gibt – vielleicht eine Art Tauschgeschäft. Wie es zu diesem Austausch von Werten kommt, ist schwer zu beschreiben, da stimmt vieles zusammen. Es passiert einfach – ein Geschehen, das ich nicht bewusst beeinflussen kann. Man muss den Zufall erkennen, begreifen und ihn wahrnehmen.

PZ: Ist Sammeln auch eine Art Mäzenatentum?

Rainer Bartels: Ja – der Künstler muss etwas davon haben, er muss ja von seiner Kunst existieren können. Deshalb erwerbe ich immer nur Bilder von lebenden Künstlern.

PZ: Können Sie Kunst definieren? Gibt es zuverlässige Kriterien? Oder besser: Gibt es für Sie persönlich zuverlässige Kriterien?

Rainer Bartels: Es sind so viele Definitionen von Kunst unterwegs. Ich habe mich der Kunst ohne vertiefendes Studium angenähert, zuverlässige Kriterien gibt es für mich nicht. Ich vergleiche das manchmal mit einem guten Wein: Geht beim ersten Schluck der Mundwinkel nach oben, dann ist es gut. So geht es mir auch bei Bildern.

PZ: Wie geht man damit um, dass man die gesammelten Werke in aller Regel nicht an den eigenen vier Wänden betrachten kann? Verliert Sammeln da nicht zumindest einen Bestandteil seines Sinns, wenn Bilder ihre Magie nicht zeigen können?

Rainer Bartels: Die Wand in meinem Wohnzimmer ist nicht der Sinn meiner Sammlung. Ich kann mir auch gelagerte Bilder immer wieder ansehen, kann sie auch mal aufhängen, wenn ich das will.

PZ: Verändert sich eine Beziehung zu erworbenen Kunstwerken mit der Zeit? Dann vielleicht, wenn auch der Sammler selbst sich durch neue Erfahrungen, neue Lebenssituationen verändert hat?

Rainer Bartels: Da muss ich nachdenken. Diese Frage habe ich mir noch nie gestellt. Sicher ist: Der handwerkliche Wert verändert sich nicht. Aber ich stehe ja stets im Dialog mit dem inneren, dem philosophischen Wert, der kann vielleicht eine Verschiebung erfahren. Es ist schon so – nach einer gewissen Zeit habe ich manchmal ein besseres, manchmal ein schlechteres Gefühl. Man muss sehen: Es klingen immer noch andere, persönliche Bilder bei der Kunstbetrachtung mit. Wenn man die Biografien der Lebensspannen als individuelle Phänomene wahrgenommen hat, überantwortet man sie dem differenzierten Dialog mit der Erinnerungsqualität. Wir sind zum Lagerverwalter auf der Suche nach Freiheit mutiert.