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Gruselig: Blick auf einen Vorhang aus Rentierschädeln der Künstlerin M. A. Sara auf der documenta 14. Foto: Zucchi
08.06.2017

Kunstschau documenta in Kassel wird am Samstag eröffnet

Die documenta will große Themen wie Flucht und Migration anpacken. Auf zwei Etagen entfaltet die documenta eine Wucht, die fasziniert und mitreißt.

Kassel. An den Stränden Griechenlands hat Guillermo Galindo die Überreste von Flüchtlings-Booten eingesammelt – und sie zu Musikinstrumenten umgebaut. Was wertlos war, bekommt ein zweites Leben geschenkt dank Saiten, Trommel und Glockenspiel. Die Arbeit des mexikanischen Künstlers ist typisch für die documenta 14: Sie verbindet Athen und Kassel, die beiden Standorte der Kunstschau. Und sie beschäftigt sich mit Flucht und Migration, einem der zentralen Themen, die der künstlerische Leiter Adam Szymczyk in den Mittelpunkt gerückt hat.

Bildergalerie: Kunstschau documenta wird am Samstag in Kassel eröffnet

Nicht weniger als „ein Schritt auf dem Weg in eine Welt, in der wir leben wollen“, so versteht er die alle fünf Jahre stattfindende Kunstschau. Gestern war die documenta in Kassel erstmals für Fachbesucher zugänglich, am Samstag wird sie für das Publikum geöffnet. Worum es geht, wurde bei der Pressekonferenz überdeutlich: Die documenta will die großen Themen, Fragen und Probleme anpacken. Es gelingt ihr nur zum Teil.

Manches scheint nur ausgewählt, um Künstler in ihrem sicherlich ehrenvollen Kampf gegen die Übel der Welt zu unterstützen: gegen die Unterdrückung von Minderheiten (Masken kanadischer Ureinwohner), gegen die Rentier-Jagd in Norwegen (ein gestickter Wandteppich mit Jagdszenen), für die Wiederentdeckung traditioneller Produktionsweisen (Indigo-gefärbte Textilien aus Afrika), für die Frauenbewegung (politische Plakate aus Pakistan). Es geht um die Botschaft – das Künstlerische scheint zweitrangig.

35 Orte listet der offizielle documenta-Stadtplan auf. Die Location, die sich mit Sicherheit zum Hauptanziehungspunkt entwickeln wird, ist die ehemalige Hauptpost, die während der documenta zur „Neuen neuen Galerie“ wird. Von außen ist das Postgebäude ein erschreckend häßlicher Betonklotz in einem eher uncharmanten Teil der Stadt. Szymczyk ist bewusst hierher gegangen mit der documenta, so wie er auch nach Athen gegangen ist: dahin, wo es weh tut – thematisch ebenso wie geografisch.

Auf zwei Etagen entfaltet die documenta hier die Wucht, die man sich von einer Ausstellung dieser Größenordnung und Bedeutung erhofft. Wo früher Lastwagen be- und entladen wurden, sind hinter hochgezogenen Rolltoren kleine Kabinette entstanden. Im ersten Stock wechseln sich große Flächen für Performances und kleinteilige für Bilder und Fotos ab. In Nebenräumen und Büros laufen Videoarbeiten. Auch hier herrscht keine heile Welt – ein Raum verstört mit Filmen beinamputierter Männer.

Im Fridericianum werden Kunstwerke gezeigt aus der Sammlung des Athener Museums für zeitgenössische Kunst, das mangels Geld nie eröffnet wurde. Viele Arbeiten sind älteren Datums: Bilder, aus denen eine Haut herauszuwachsen scheint aus den 1960ern, eine Installation mit am Strand zurückgelassenen Koffern und Kleidern aus den 1970ern, ein zimmerfüllender Abakus aus den 1980ern. Einige Arbeiten berühren unmittelbar, ohne dass sie sich einer klaren Botschaft unterordnen müssen, etwa der von Mona Hatoum aus Beirut gebaute Raum mit Schrott aus einer Fabrik. Mit vielem wird der Besucher allein gelassen, Hintergrundinformationen über die Künstler oder gar Interpretationshilfen zu den Werken gibt es nicht.