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So kalt ist es in Rodolfos (Kwonsoo Jeon) Bude, dass er seine Mimì (Stefanie Smits) mit dem Mantel zudecken muss. Aber das hilft nichts. Sie stirbt. Haymann
Die lebenslustige Musetta (rechts) neigt zu Scherzen.
19.09.2016

„La Bohème“ eröffnet die Saison am Theater

Es ist leicht, über den Erfolg einer Puccini-Aufführung zu urteilen. Wer als Zuschauer das Geschehen bloß freundlich verfolgt, der hat einen schlechten Abend erwischt. Bei einer guten, sogar mittelmäßigen Puccini-Aufführung stellt sich ein Gefühl ein, über das fast keiner so selbstverständlich verfügt wie der italienische Meister: Es ist die Gänsehaut.

Legt man diesen Maßstab an die Spielzeiteröffnung des Theaters Pforzheim mit „La Bohème“ an, dann gilt: Ja, es hat funktioniert. Dafür sorgt als Hauptverantwortlicher Kwonsoo Jeon in der Rolle des Rodolfo.

Bildergalerie: "La Bohème" am Theater Pforzheim

Sein Gesang macht Freude, sorgt schon zu Beginn für Zwischenapplaus – und lässt das aufscheinen, was die Opern des Italieners so besonders macht: Es ist der wohlige Schauer, den Puccinis Szenen unmittelbar auslösen; der spontane Ausbruch der Sänger aus dem Alltäglichen hinein in Augenblicke von erhabener Schönheit.

Wie genial der Komponist diese Sekunden vorbereitet, zeigt sich auch schon in „La Bohème“ – einem vergleichsweise frühen Werk. Am Anfang steht fast immer belangloser Alltag: Schwätzereien, Geplauder, Zoten. Im ersten Bild gilt der Blick einer gammligen Künstlerbude, in der ein Maler, ein Philosoph, ein Musiker hausen – und eben Rodolfo, der Schriftsteller. Da herrscht die pralle Pubertät der Lebenskünstler, die bloß nicht erwachsen werden wollen und sich selber feiern als Draufgänger in ihrer Armut.

Es gibt eine Ausnahme

Auf dieser leeren Leinwand des Gewöhnlichen baut Puccini auf, wenn er die Höhepunkte seiner Musik konstruiert. Die Charaktere bleiben ja eigentlich dumpf und belanglos – außer wenn eines passiert: sie lieben. Rodolfo liebt Mimì (ordentlich: Stefanie Smits) – sie hat als Nachbarin einmal an seine Türe geklopft. Seitdem ist es um ihn geschehen. Das Gefühl reißt ihn aus dem Alltag heraus – und sorgt für die ätherischen Momente des Abends.

Als Gegensatz zieht sich der Konflikt zwischen Liebe und Gewöhnlichkeit durch die folgenden drei Bilder. Puccini aber geht zusehends dazu über, die Spannung zu erhöhen. Nicht mehr nur nacheinander, immer mehr gleichzeitig auch verschränken sich die Welten. Im zweiten Bild sogar szenisch. Da hat die Regisseurin Anja Nicklich die Szene im Quartier Latin als prallen Wirtshausspaß gezeichnet – mit tiefen Dekolletés, ordentlich Wein in den Pullen und reichlich Scherz auf den Lippen.

Doch der Hintergrund (Bühne: Dirk Steffen Göpfert) zeigt sich verklärt. So ganz leise rieselt da der Schnee – er wird zur Chiffre für Mimìs und Rodolfos Liebe. So weiß und rein ist er wie keine Liebschaft der beiden davor – und gleichzeitig tödlich; kündet er doch von der Kälte, die Mimì am Ende sterben lässt. Von der echten Liebe haben die anderen noch nicht so viel mitbekommen.

Als Gegenpaar zu Rodolfo und Mimì etabliert sich die dralle Musetta mit Marcello, dem Maler (überzeugend: Markus Vollberg). Ob sie gerade zusammen sind oder getrennt, das weiß man nicht so genau. Eines aber ist sicher: Sie genießen das Leben, fallen von einem Tag in den anderen – leben den Traum der Bohème. Doch der hat abseits seiner trunkenen Glanzstunden auch viel Leid zu bieten.

Ein tragischer Tod

Im dritten Bild im Winter ist Marcello zum Fassadenmaler verkommen – und Rodolfo und Mimì trennen sich, weil der arme Poet der Lungenkranken kein wärmendes Nest bereiten kann. Am Ende ist es vorbei mit der Vernunft, mit dem Nachrechnen, ob sich ihre Liebe nun lohnt. Mimì wird sterben, das ist sicher. Sie stirbt als Rodolfos Geliebte, kann zwar nicht mehr atmen – aber sie singt. Es ist eben dort nichts unmöglich, wo die Liebe die Fessel des Alltags sprengt.

Das ganze Geschehen hat Nicklich zu einem ästhetischen Gesamtprodukt verbunden, das trägt. Ihre Inszenierung – im ersten Bild noch etwas seicht – gewinnt im Folgenden an atmosphärischer Qualität, die mehr den Gang der Handlung unterstreicht und darstellt, als an eigenen Gemälden zu malen.

Da passen dann auch die Kostüme von Antonia Mautner Markhof gut rein. Sie verorten die Welt der Bohémiens im Strapsen-Stil der Varieté-Theater und zeigen Musetta (etwas übertrieben: Franziska Tiedtke) als ihre Haudrauf-Königin – und als schlammbraunes Gegenbild zur blütenweißen Mimì.

Die Badische Philharmonie unter Generalmusikdirektor Markus Huber spielt gut mit und versucht mit Leidenschaft ihre Schwächen auszugleichen: die breiige Art der Sängerbegleitung beispielsweise oder das zu laute Blech, generell die fehlende Präzision bei der Dynamik. Aber das zählt am Ende nicht. Am Ende ist es eben ein schöner Opernabend, der dem Theater einen anständigen Erfolg sichern wird – und vom Publikum im ausverkauften Großen Haus mit stehenden Ovationen gefeiert wird.