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Die „Charles Bukowski mit Tanz und Musik“ im „Café Roland“.Foto: pz
Die „Charles Bukowski mit Tanz und Musik“ im „Café Roland“.Foto: pz
12.05.2017

Lebendige Charles Bukowski-Lesung im Café Roland

Von schlecht bezahlten Jobs und vom Saufen ist die Rede bei der „Charles Bukowski-Lesung mit Tanz und Musik“ im neu eröffneten „Café Roland“.

Pforzheim. In großer Zahl kommt das richtige Publikum zur „Charles Bukowski-Lesung mit Tanz und Musik“ in die Theaterstraße – ins neu eröffnete „Café Roland“: Studenten, Theaterleute, kultur-beflissene Möchtegern-Intellektuelle in legerer Kleidung. Und ein älterer Herr, den man liebevoll vorbereitet: „Sind Sie mit dem amerikanischen Schriftsteller Bukowski vertraut? Der ist nämlich nicht ohne!“ Es fehlen (leider?) Kommunalpolitiker und (zum Glück) das ganze Goldstadt-Schicki-micki-Gedöns. Auch das unordentlich wirkende Ambiente des Veranstaltungsraums mit seinen kreuz und quer aufgestellten Tischen und Stühlen passt ins Bild. Die Biedermeier-Stehlampe und daneben Omas Plüschsessel, in den versunken Robert Besta, Schauspieler am hiesigen Stadttheater, Bukowski-Texte vorträgt, provozieren ganz bewusst in diesem Umfeld.

Besta artikuliert klar und deutlich und versteht es, seine Stimme den Sperrigkeiten der gelesenen Sätze anzupassen, so dass beim Zuhören die Inhalte lebendig werden. Dabei hilfreich ist Klaus Duseks permanent improvisierende Begleitung am Kontrabass, die je nach Erzählsituation mit verträumtem Saiten-Zupfen, schrägen Schleifern oder rhythmischem Gepolter die Textaussagen untermalt und verstärkt. Neben diesem Mitglied seines Orchesters ist das Stadttheater zudem mit Sara Escribano Maenza vom Ballett präsent, die in tänzerischen Beiträgen Bukowskis Frauen-Phantasien sinnlich körperbetont umsetzt.

Sex und Alkohol, das wird in den vorgetragenen Prosastücken und Verszeilen deutlich, gehören zur existenzialistischen Überlebensstrategie Bukowskis. Mit wüstem Vokabular ist von schlecht bezahlten Jobs und vor allem vom Saufen die Rede. Whisky-Flaschen, der Wein und Sixpacks-Bier sind stets griffbereit. Und die verschlampt heißen Sehnsuchtsfrauen, die ihm in ungemachten Betten traumhafte Zeiten bereiten, erregen vor allem mit ihren Beinen und (dicken) Ärschen seine Auf-merksamkeit. Die schlafen auch mal mit dem Vermieter des heruntergekommenen Nachtasyls, das man sich sonst finanziell nicht leisten könnte.

Bukowski ist einer, der mit anschaulicher Direktheit aus erster Hand von den unteren gesellschaftlichen Rängen erzählt, die im politisch korrekten Diskurs heute als Prekariat bezeichnet werden. Die geschickte Textauswahl präsentiert unerhörte Kontraste: Einerseits ganz überraschend eine geradezu zärtliche Liebeserklärung an die klassische Musik, auf der anderen Seite die an kraftvoller Vulgärsprache nicht zu überbietende Beschreibung der ärztlichen Behandlung seines Hämorrhoiden-Leidens. Und zeigt einen Autor, der auf der Höhe seiner Zeit Sartre zitiert, Dante Alighieris Inferno evoziert und sehr weise sein Lebensfazit zieht: „Ich werde die Menschen nie verstehen, aber ich habe es geschafft, mit ihnen zu leben.“ Pforzheims Alternativ-Szene hat in der spartenübergreifenden Kooperationsreihe des Stadttheaters mit Café Roland und der Kulturinitiative LAF (Leerstand als Freiraum) einen attraktiven Rahmen gefunden.