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Dr. Pangloss (Chris Murray) unterrichtet Paquette (Danielle Rohr), Candide (Johannes Strauß), Cunégonde (Elisandra Melián) und Maximilian (Paul Jadach, von links) nach seiner Maxime: Die Welt ist die beste aller möglichen Welten.Foto: Haymann
Dr. Pangloss (Chris Murray) unterrichtet Paquette (Danielle Rohr), Candide (Johannes Strauß), Cunégonde (Elisandra Melián) und Maximilian (Paul Jadach, von links) nach seiner Maxime: Die Welt ist die beste aller möglichen Welten.Foto: Haymann
Der Erzähler Voltaire (Chris Murray) hat ein ganz anderes Prinzip: Er zweifelt am blinden Optimismus. Foto: Ketterl
Der Erzähler Voltaire (Chris Murray) hat ein ganz anderes Prinzip: Er zweifelt am blinden Optimismus. Foto: Ketterl
23.02.2017

Leonard Bernsteins Candide feiert Premiere am Theater Pforzheim

Pforzheim. Eine Pause wird sich Chris Murray am Samstag nicht gönnen können. Bei der Premiere von Leonard Bernsteins Candide steht der Publikumsliebling über die gesamte Dauer des Stücks auf der Bühne des Pforzheimer Theaters. Seine Rolle verlangt es ja so – besser seine Rollen.

Murray spielt den Philosophen Voltaire, der als Erzähler durch das bitterkomische Werk führt – und er spielt zahlreiche weitere Charaktere. Seine Kollegen tun es ihm gleich, sind mal Höflinge, dann Soldaten, Slaven, Inquisitoren, Polizisten – und noch vieles mehr. Es ist ein wildes Tableau, mit dem Bernstein da sein Werk ausstaffiert, das mal Musical, mal Operette und mal Oper heißt – und am Ende ein ganz eigener Wurf ist.

Die Vielfalt der Personen, auch der Orte gibt dem Werk seinen ganz eigenen Charakter. Vom ländlichen Westfalen geht es nach Spanien, Portugal, Südamerika und dort in den tiefsten Dschungel. Warum diese wilde Hatz durch Orte und Zeiten – durch die ganze Welt? Weil es dem Stück eben genau um diese Welt geht. Es ist ein philosophisches Werk, das sich Bernstein da vorgenommen hat. Eines, das etwas zeigen will.

Vorlage von Voltaire

Der amerikanische Komponist lehnt sich eng an die Vorlage an: die Novelle Candide des französischen Philosophen Voltaire. Und der wollte damals nichts anderes als einen Kampf der philosophischen Maximen inszenieren.

Hier der Platzhirsch des Diskurses: der deutsche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz, der die Welt sieht als „die beste aller möglichen Welten“. Gott könne ja nichts Minderwertiges geschaffen haben. Solche Argumentation gefällt dem Kirchenfeind Voltaire natürlich überhaupt nicht. Er lässt Leibniz’ These im Laufe der Geschichte nach allen Regeln der Kunst zugrunde gehen.

Candide ist als blinder Optimist erzogen. Er geht hinaus in die Welt – und erlebt sie als Chaos. Marodierende Soldaten überziehen seine westfälische Heimat mit Schrecken, in Lissabon bricht die Welt in einem Erdbeben zusammen – und schuld soll Candide sein. Er wird ausgepeitscht. Wo ist da noch Platz für Optimismus und hochtrabende Ideale? Nirgendwo, das lehrt das Werk.

Inszeniert wird das Werk in Pforzheim von der Salzburger Regisseurin Magdalena Fuchsberger. Sie erfreut sich an der schnellen und humorvollen Dramatik des Werks, das auch musikalisch aus dem Vollen schöpft. Bernstein hat sein Handwerk gelernt – und setzt in Candide den Formen der europäischen Musik ein Denkmal. Mit Polkas und Tangos, Barcarolles und Gavottes. In allem herrscht Humor und auch Eingängigkeit.

Nur eines dürften die Zuschauer nicht erwarten, meint auch Murray: Eine Art Vorläufer der West Side Story, die Bernstein ein Jahr später komponiert. „Damit ist es nicht zu vergleichen“, sagt Murray. Candide hat einen ganz eigenen Ton. „Es ist eine Art surreales Road-Movie“, sagt Fuchsberger. „Spannend, Schnell und absurd.“ So hat sie auch ihre Inszenierung konzipiert – und Chris Murray hat kein Verschnaufen darin.