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Mit Seele, Herz und Verstand: Timo Handschuh hat das Südwestdeutsche Kammerorchester sechs Jahre lang geleitet.  Foto: Meyer

Letztes Abo-Konzert des SWDKO unter Timo Handschuh im CCP

Pforzheim. Timo Handschuhs Markenzeichen ist seine musikalische Vielseitigkeit. Mit seiner Seele ist Handschuh gelernter Kirchenmusiker und als Organist nach wie vor an der Ulmer Münster-Orgel oder zur Weihnachtszeit an dem viel kleineren Instrument in der Oberderdinger Laurentius-Kirche zu hören.

Mit seinem Herzen widmet sich der Dirigent als Ulmer Generalmusikdirektor der großen Oper. In der kommenden Spielzeit wird dort unter seiner Ägide auch Beethovens „Fidelio“ aufgeführt, bevor er, wie gestern bekannt wurde, nach der Saison 2020/21 auch Ulm verlassen wird, um sich nach zehn Spielzeiten neuen künstlerischen Herausforderungen zuzuwenden. Er werde seinen Vertrag nicht verlängern, teilte das Ulmer Theater mit.

Legendäre Aufführungen

Seit der Konzertsaison 2013/14 war Handschuh zudem mit Seele, Herz und Verstand Chefdirigent des Südwestdeutschen Kammerorchesters Pforzheim (SWDKO). Programmatisch überschrieben sein Antrittskonzert einst: „Alles Mozart“. Die Wiener Klassiker spielten eine große Rolle in der sechsjährigen Goldstadt-Handschuh-Ära. Barockmusiken leitete der Vollblutdirigent vorzugsweise vom Cembalo aus. Legendäre Aufführungen gelangen ihm in der Region im Bad Wildbader Kur- theater oder bei den Maulbronner Klosterkonzerten.

Nun hat sich Handschuh mit einer überraschenden Facette seines musikalischen Wirkens als Chefdirigent verabschiedet. Viele wussten, dass er mit Leidenschaft komponiert, meist im Genre geistlicher Chor- und Orgelmusik, nur wenige Musikfreunde hatten seine Kompositionen gehört. In Pforzheim jedenfalls gab es dazu kaum Gelegenheit. Die nun endlich auch hier aufgeführte „Messa sublime amore“ op. 32 für Sopran, Chor und Streicher, die „Messe der erhabenen Liebe“, gewährt Einblicke in die tiefe Religiosität des Komponisten Handschuh, seine fast unzeitgemäße Liebe zur spätromantischen Tradition liturgisch gebundener Musik, seine Empfänglichkeit für große Gefühle.

Freilich werden die nicht hinausposaunt, sondern eher mit zurückhaltendem Gestus und sanfter Sinnlichkeit klanglich umgesetzt. Dabei spielen die Streicher mit geschmeidig-instrumentaler Untermalung eine dienende Rolle. Im Fokus steht der Chor und über ihm schwebend und leuchtend der Solosopran. Für beide Akteure hatte Handschuh kongeniale Interpreten gewonnen – einmal den Maulbronner Kammerchor, der wie kaum ein anderes Vokalensemble mit der Wiedergabe geistlicher Werke vertraut ist, und zum anderen die australische Sopranistin Valda Wilson, die sich durch ein klangschön-glockiges, dunkel eingefärbtes Timbre auszeichnet.

Im einleitenden, ruhig vorgetragenen und breit ausgemalten „Kyrie“ setzte der Chor in tiefen Tonlagen ein, bald überstrahlt vom hohen Solosopran. Das „Gloria“ eröffnete sein Gotteslob in lebhafter Gangart, setzte sich in fein auskomponierter Klangrede fort und mündete in ein kraftvolles, erlösendes Amen. Eine weich ausgesungene Chorpartie folgte im „Credo“, das sich bald dramatisch entfaltete, in einem Solosopran-Ruf kulminierte, und bei der Verkündigung der Auferstehungs- Erwartung von einer innigen Geigenmelodie begleitet wurde.

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Letztes Abo-Konzert des SWDKO unter Timo Handschuh im CCP

Anhaltende Ovationen

Jubelnd dann das „Hosanna in excelsis“ im „Sanctus“-Teil. Als Symbol vergehender Lebenszeit waren im russisch-orthodox anmutenden „Benedictus“ zwölf Glocken-Gongs zu hören. Das abschließende „Agnus Dei“ faszinierte mit wunderschönem An- und Abschwellen des Chores und glanzvollem Solosopran.

Vor der Konzertpause interpretierten SWDKO und Handschuh in stimmungsvoll-melancholischen Klangfarben das „Adagietto“ aus Frank Martins „Pavane couleur du Temps“, sowie mit Valda Wilson den an Klangfacetten reichen Liederzyklus „Les Nuits d’Été“ von Hector Berlioz. Schlussendlich verabschiedeten sich Vokalsolistin, Chor und Streicher sinnfällig und geradezu zärtlich verhalten mit „Aarons Segen“, einer weiteren Komposition Handschuhs, der auf diese Weise „seinem Noch-Orchester“ und dem Pforzheimer Publikum alles Gute wünschte. Danach gab es im CCP begeisterte, anhaltende Ovationen.