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Mit diabolischem Spiel: Eric van der Zwaag ist der Dorfrichter Adam bei den Schlossfestspielen Ettlingen. Foto: Klenk
Mit diabolischem Spiel: Eric van der Zwaag ist der Dorfrichter Adam bei den Schlossfestspielen Ettlingen. Foto: Klenk
01.07.2016

Leugnen, List und Lügen: Kleists „Der zerbrochne Krug“ bei den Schlossfestspielen

„Jeder trägt den leid’gen Stein zum Anstoß in sich selbst.“ Das weiß gleich zu Beginn der Dorfrichter Adam, und da ahnt er noch nicht, dass er wenig später ungewollt über seinen eigenen Fall zu Gericht sitzen muss. In dem wunderbaren Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ zeichnet Heinrich von Kleist das Porträt eines fragwürdigen Helden, der sich selbst auf die Spur kommt, und nimmt dabei auch die Institution des Rechts amüsant aufs Korn. Bei den Schlossfestspielen in Ettlingen hatte das Stück jetzt eine turbulente Première.

Der Stein des Anstoßes ist in dieser heiklen Causa als Corpus Delicti ein Krug, der in Scherben geht, als Richter Adam nächtens als zudringlicher Freier zu der braven Jungfer Eve kommt und ihr ein Tête-à-tête abpressen will mit der Drohung, im Weigerungsfall ihren Liebsten, den wackeren Ruprecht, als Soldat ins ferne Batavia zu schicken. Nur gut, dass Ruprecht den Eindringling, freilich ohne ihn zu erkennen, in die Flucht schlägt. Die Sache kommt vor Gericht, weil Eves resolute Mutter Marthe den Schaden am Krug einklagen will und Ruprecht für den Delinquenten hält. Eve will natürlich den Geliebten vor Strafe schützen, möchte aber, eingeschüchtert durch Adams Erpressung, den wahren Täter nicht preisgeben. So entspinnt sich nun ein turbulentes Spiel um Leugnen, List und Lügen, Verwechslung und Verdrehung, Winkelzüge und Ausflüchte, und der Prozess gerät an den Rand eines juristischen Debakels.

So ist denn „Der zerbrochne Krug“ eine klassische analytische Komödie, bei der der Zuschauer stets mehr weiß als die Beteiligten, und zugleich ein Meisterwerk der Sprache, in dem Kleist sich als ein Artist des messerscharfen Wortwitzes und der brillanten Doppelbödigkeit erweist.

Verständlich, dass die Ettlinger diesen Schatz auf die Freilichtbühne im barocken Schlosshof heben wollten. Bedauerlich dagegen, dass ihnen das nicht überzeugend gelungen ist, weil Regisseurin Angelika Zacek ihre Inszenierung (im kahlen Sperrholz-Bühnenbild von Steven Koop) durch eine Reihe von widersprüchlichen Entscheidungen behindert. So ist etwa die Idee, dem Werk durch Einführung von Occupy-Figuren mit den typischen Guy-Fawkes-Rebellionsmasken eine aktuelle politische Botschaft anzuschminken, so wenig tragfähig wie der Versuch, Kleists Anspielung auf die biblische Sündengeschichte widersinnig mit Eve und Ruprecht zu verknüpfen und dem Dorfrichter Adam dabei die Rolle des Teufels zuzuweisen.

Nur die Pointe zählt

Zentrales Moment der Kleist’schen Komik ist die beispiellos virtuose Sprache, die freilich an Wirkung in dem Maße einbüßt, in dem man sie nur auf Pointe spricht und ihren Hintersinn durch vordergründige Effektlust zu steigern sucht. Das erkennbare Misstrauen der Regisseurin gegenüber der Wirkkraft des Textes, die sie durch textferne Gags ergänzen zu müssen glaubt, schlägt sich auch in der Zeichnung der Figuren nieder. Eric van der Zwaag als Adam schwankt zwischen plattem Slapstick und hochtourigem Turbospiel. Ganz anders Stephanie Brenner, die als Marthe nicht recht weiß, was sie spielen soll und die Rolle zwischen rasender Megäre und sexy Lady, durchtriebenem Mannsteufel und keifendem Muttertier um jede Schlüssigkeit bringt.

Rabiate Strichfassung

Daneben ist Nicole Janze als Eve ein treuherziges Trampel, Steffen Happel als Ruprecht ein bis zur Karikatur verzerrter Bauernrüpel. Überzeugend wirkt lediglich der eindringlich tückische Harald Schröpfer als Schreiber Licht, der an dem allgemeinen Geschrei des Abends keinen Teil hat, dem freilich die unglückliche, oft rabiate Ettlinger Strichfassung nicht eben hilft.