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Sorgt für massenhaft Gänsehautmomente: Pippo Pollina. Frommer
Sorgt für massenhaft Gänsehautmomente: Pippo Pollina. Frommer
02.11.2017

Liedermacher Pippo Pollina begeistert Publikum im Kulturhaus Osterfeld

Pforzheim. Seine Konzerte faszinieren aus vielerlei Gründen: Pippo Pollina (54), der seit 25 Jahren in der Schweiz heimische Liedermacher aus Palermo, versteht es immer wieder, musikalische Höhepunkte mit Rückblicken auf Stationen seiner langen Karriere zu verbinden und neue musikalische Ideen mit gewinnendem Humor, gelebter Spielfreude und außergewöhnlicher Haltung zu präsentieren.

Mit seinem jüngsten Auftritt im Kulturhaus Osterfeld – und der Präsentation des neuen Albums „Il sole che verrà“ (Italienisch: „Die Sonne, die scheinen wird“) – versieht er sein vielfältiges, von Kooperationen geprägtes musikalisches Werk mit einem neuen Highlight. Seine jüngsten Songs, wie etwa das dem besten Boxer aller Zeiten, Muhammad Ali, gewidmete Lied „A Mani Basse“ sorgen beim Publikum für Gänsehaut und für Momente der Reflexion.

Brücke ins Hier und Jetzt

Die Hommage beschreibt vordergründig die legendäre und flinke Kampftaktik Alis, der seine Gegner im Ring austanzte und so seine Widersacher irritierte, manchmal auch demoralisierte. Den eigentlichen Grund für seine große Bewunderung des afroamerikanischen Boxers liefert Pollina den Osterfeld-Besuchern per Video-Einspielung und mit der Ansage des Titels: Ali hat für seine pazifistische Überzeugung, für seine vollmundige Weigerung, am Krieg gegen Nordvietnam teilzunehmen, einen hohen Preis bezahlt. 1967 wurde ihm für seine, aus damaliger Sicht des US-Establishments, unamerikanische Haltung der Weltmeistertitel aberkannt. Zusätzlich wurde er zu einer Geldstrafe, zu fünf Jahren Gefängnis, was er durch Zahlung einer Kaution vermeiden konnte, und zu einem Berufsverbot verurteilt.

Pippo Pollina schlägt die Brücke ins Hier und Jetzt mit einer einzigen Frage nach vorbehaltlosem pazifistischem Engagement der heutigen Sportidole und einem klaren Bekenntnis: „Und Roger Federer oder Cristiano Ronaldo? Die haben wohl anderes zu tun. Ich sage danke Muhammad!“. Und wie. Der Song „A Mani Basse“ zählt zu den Titeln, die an diesem Abend in Hirn, Herz und Beine gehen: Er macht Lust und Laune zu tanzen. In der zweiten Hälfte des Auftritts im Kulturhaus, den 241 Zuschauer verfolgten, entfielen zwar die Video-Sequenzen. Aber es entwickelte sich ein fulminantes italienisches Konzert mit einem mehr als deutlichen osteuropäischen Akzent.

Songs in rasantem Gewand

Pollina und seine Band – Michele Ascolese (Gitarre und Bouzouki), Roberto Petroli (Klarinette und Saxofon) und Joscha Duttli (Schlagzeug) – sind gerade von einer Tour durch die Ukraine zurück. Und so präsentieren sie den einen oder anderen populären Pollina-Song in neuem rasantem Gewand: als balkaneske Up-Tempi. Diese musikalische Frischzellenkur gibt bewährten Liedern wie „Mare, Mare, Mare“ oder „Camminando“ ebenso neuen, überraschenden Biss, wie beispielsweise auch dem Jacques-Brel-Klassiker „Nel Porto di Amsterdam“ (Original: „Amsterdam“) oder dem zunächst als Gitarren-Duo angelegten (in Odessa geschriebenen) „O Sole Mio“.

Beeindruckend, wie Pollina die Klangfarbe seiner Stimme ein ums andere Mal zu variieren weiß: Wo Tempo und Thema es erfordern, wird sie auch schon mal ansatzlos zum rauchig klingenden Reibeisen. Gänsehautmomente en masse. Natürlich applaudiert das Pforzheimer Saalpublikum wiederholt stehend – und singt oder pfeift („Bella Ciao“) laut mit.