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Was Maler Harald Kröner (rechts) zu Papier bringt, nutzt Programmierer Jörg Koch, um daraus Töne zu erzeugen. Foto: Roller
Was Maler Harald Kröner (rechts) zu Papier bringt, nutzt Programmierer Jörg Koch, um daraus Töne zu erzeugen. Foto: Roller
02.06.2017

Live-Performance im Reuchlinhaus macht sprachlos

Pforzheim. Das Publikum staunt nicht schlecht, als Harald Kröner am Mittwochabend beim Pforzheimer Kunstverein im Reuchlinhaus stellvertretend für seine beiden Kollegen Jörg Koch und Mark Lorenz Kysela verkündet: „Wir wissen selbst nicht, wie das klingen wird.“ Und dann fangen sie an mit einer Performance, die so einzigartig ist, dass sie sich weder im Nachhinein in Worte fassen noch vor Ort ganz verstehen lässt.

Es wird einem nicht wirklich klar, was die drei Künstler da eigentlich machen. Bei Kröner ist es vielleicht noch am offensichtlichsten: Der Maler tobt sich auf einem großen Stück weißen Papiers aus. Er trägt Farbtupfer auf, zieht Linien, kleckert mit Farbe. Über ihm an der Decke hängt eine Kamera, die das entstehende Kunstwerk filmt. Der studierte Musiker Kysela steht hinter einem Tisch und dreht an den Reglern und Knöpfen seiner Mischpulte. Er scheint Töne zu erzeugen.

Gegen Ende der Performance greift er zum Saxofon und entlockt ihm wilde Wirbeleien. Programmierer Koch sitzt vor seinem Laptop, tippt auf der Tastatur. Auf dem Bildschirm vor ihm: ein Computerprogramm, das einer Spinne ähnelt. Fest steht nur eines: Das von Kröner auf dem weißen Papier Gezeichnete nimmt irgendwie Einfluss auf die Töne, die bei Kysela an den Mischpulten und auf Kochs Computer erzeugt werden. Und es beeinflusst gleichzeitig die Visualisierung ebendieser Töne, die auf einer Leinwand zu sehen ist. Eine Zeichnung wird in akustische Signale übersetzt. Aber wie das genau funktioniert, welche technischen Mechanismen dahinter stecken, bleibt den Zuhörern (oder sind es Betrachter?) ein Rätsel.

Während Kröner malt, rauscht es wie aus einem alten Radio, man hört eine Drehorgel, eine Hupe, Tiergeräusche. Es donnert, pfeift, rattert, kracht, hämmert, gurgelt und quietscht.

Wenn Kröner mit dem Fön die Farbe trocknet, hat man das Gefühl, ein Orkan ziehe auf. Es gibt Momente, in denen alles durcheinander klingt: wildes Chaos. Und es gibt Momente, in denen es fast still ist. Die Assoziationen sind vielfältig: Mal klingt es, als ob ein Raumschiff landen würde, als ob man ein Maschinengewehr abfeuere, oder wie eine wilde Verfolgungsjagd. Die Visualisierung der erzeugten Klangwelt verändert sich stetig: Punkte werden dreidimensional, die Zeichnung erweitert sich in den Raum. So verschmilzt der Zeichenraum mit dem Klangraum. Oder ist es etwa umgekehrt?

Nach einer Stunde ist die ungewöhnliche Live-Performance der drei Künstler vorbei. Die Ausstellung „Rausch’n“ ist aber noch bis zum 15. Juni im Reuchlinhaus zu sehen. Kysela hat dafür 13 Zeichnungen Kröners ausgewählt und zwölf unterschiedlich lange Tonspuren erstellt, die als Loop laufen.

Im Ausstellungsraum hängen zwischen den Zeichnungen kleine Lautsprecher an den Wänden. Je nachdem, wo sich der Betrachter im Raum befindet, ändert sich so automatisch das von ihm wahrgenommene Klangbild.