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Martin Luther (Frank Wörner, rechts) und Erasmus von Rotterdam (links) disputieren über den menschlichen Willen. Das Volk – hier als Orchester und Chor unter der Leitung von Sebastian Eberhardt – kommentiert das Streitgespräch.  Foto: Fotomoment
Martin Luther (Frank Wörner, rechts) und Erasmus von Rotterdam (links) disputieren über den menschlichen Willen. Das Volk – hier als Orchester und Chor unter der Leitung von Sebastian Eberhardt – kommentiert das Streitgespräch. Foto: Fotomoment
22.05.2017

Luther-Oratorium „Des Menschen Wille“ in Maulbronn

Was für eine Symbolik! Was für ein reformationsgeschichtlich bedeutsamer, in mitreißende Klangrede gekleideter Disput! In der Mitte, erhöht vor dem Lettner der Maulbronner Klosterkirche, in Stein gemeißelt Christus am Kreuz. Rechts neben ihm auf der Predigerkanzel der Martin-Luther-Darsteller mit schwergewichtig klangreinem Bass (Frank Wörner) als unnachgiebig polternder Überzeugungstäter. Links gegenüber auf künstlich errichtetem Rednerpodium die Verkörperung des Erasmus von Rotterdam (Marcus Ullmann), der mit hellem Tenor und dem rhetorischen Feinschliff des humanistischen Universalgelehrten das dialogisch geführte Streitgespräch eröffnet. Und zu ihren Füßen das Volk – der große Chor (des Evangelischen Seminars Maulbronn) samt Instrumentalisten.

Im Reformations-Jubiläumsjahr stehen um Luther zentrierte Themen auf zahlreichen Festspiel-Bühnen im Mittelpunkt. Die in Maulbronn zur Eröffnung der Klosterkonzerte uraufgeführte oratorische Disputation „Des Menschen Wille“ wird dabei eine nachhaltige Rolle spielen, denn dem Komponisten und Autor Karsten Gundermann sowie den Maulbronner Interpreten ist ein zeitgenössisches und gleichwohl authentisches, von den Zuhörern bejubeltes Meisterwerk gelungen.

Einleitendes Glockengeläut hält zur inneren Einkehr an. Dann erhebt sich mit feinem Singsang aus dunkler Tiefe der Chor, steigert sich, überstrahlt von acht Posaunen (Ensemble der Musikhochschule Karlsruhe), singt zu Orgelgetöse (Mihály Zeke und Conrad Schmitz) und Schlagwerk (Trio der Jugendmusikschule Bretten) und formuliert die Streitalternative: „Was ist des Menschen Wille? Er ist frei! Mächtig! Wirksam! – Er ist gefesselt! Schwach! Blind und nichtig!“ Darüber disputieren die Kontrahenten vor versammeltem Volk: Mit gewinnender, messerscharfer Argumentation Erasmus, unterlegt von drei einfühlsam musizierenden Streichern (Dietrich Schüz an der Violine, Judith Mac-Carty an der Viola, und Barbara Noeldeke am Violoncello).

Und auf der anderen Seite der leidenschaftliche Luther, begleitet von beruhigendem Saitenzupfklang einer Theorbe (Andreas Arend). Beide berufen sich auf die Bibel. Sinnfälliges Tremolo ist zu hören, wenn Erasmus von dunklen Stellen der Heiligen Schrift spricht und Paulus zitiert: „Wie unerforschlich sind Gottes Wege.“ Rhythmisch betont und geradezu beleidigend antwortet Luther, „solche Rede führten nur gottlose Sophisten“.

Und der Chor mischt sich hymnisch ein: „Wenn die Schrift die Welt heilt, dann ist sie heilig.“ Solcherart musikalisch verdichtete, auch von Klangreizen exotischer Perkussionsinstrumente stimmungsvoll verstärkte Höhepunkte, die Sebastian Eberhardt vom Dirigentenpult aus intensiv zu gestalten versteht, zeichnen die Maulbronner Wiedergabe von Gundermanns Oratorium aus. Und die frischen Stimmen der jungen Choristen sorgen für vokal leuchtende Klangmomente.

Philisophie als Oratorium

In der Realität hat diese Disputation so nie stattgefunden. Vielmehr hatte Erasmus mit seiner anti-lutherischen Streitschrift „De libero arbitrio“ (Vom freien Willen) den durch die Gnade Gottes befreiten Willen des Menschen, sich für das Gute und Gott zu entscheiden, als Gottesgeschenk bezeichnet. Und Luthers Reaktion in „De servo arbitrio“ (Vom geknechteten Willen) herausgefordert, worin der Reformator betont, dass das Seelenheil des Menschen allein vom Glauben und Gottes Gnade abhängt.

Gundermann, der eifrig aus beiden Texten zitiert, beendet die Kontroverse in seinem Werk mit dem alles überwölbenden, chorisch vorgetragenen Vater-Unser-Gebet. Vielleicht hätte man den nie geschlichteten theologischen Streit stattdessen durch die Stimme eines Dritten ergänzen können, der mehrfach zu vermitteln versuchte und nicht nur in unserer Region einen großen Namen hat: Philipp Melanchthon.