nach oben
Dix (Tobias Bode) traut seinen Augen nicht: Hat der Flügel gerade von alleine Musik gemacht? Foto: Seibel
Regisseur Alexander May, Komponist Arpad Bondy und Intendant Thomas Münstermann (von links) freuen sich auf die Uraufführung an Silvester. Foto: Seibel
29.12.2016

„Mann mit Flügel“ feiert Uraufführung am Theater Pforzheim

Pforzheim. Die Bühne der Silvesterpremiere am Theater Pforzheim scheint dem Schauspieler Tobias Bode ganz alleine zu gehören. Wenn er sich in der Rolle des Theatertechnikers Dix durch das Bühnenbild bewegt, ist da kein Kollege, der ihn unterstützen könnte. Ganz einsam aber muss er den Abend nicht durchstehen; das wird bei einer aktuellen Probe des Stücks „Der Mann mit Flügel“ deutlich.

Da steht Dix mit grauem Hausmeisterkittel inmitten eines Theaterdepots, die Requisiten vergangener Inszenierungen um ihn herum. Dort ein goldenes Kalb, hinten ein Bett, Kleinigkeiten in Kisten. Gebraucht werden sie alle nicht mehr – das Theater macht zu. Dix hat ausdient als Theatertechniker – außer, um die Reste der Abschiedsparty zusammenzufegen. Da sieht er – ebenfalls ein Ausstattungsgegenstand – einen Strick und fragt sich: Naja, warum eigentlich nicht – dem Ganzen ein Ende bereiten, nach einem Leben, das nicht einfach war und jetzt auch noch den Halt verloren hat? Aber Dix wird gerettet. Der herumstehende Flügel macht sich mit Tönen bemerkbar. Wie kann das sein?

Mann mit Flügel feiert Premiere am Theater Pforzheim

Wer spielt da?

Dix räumt die Abdeckung weg; wieder spielt der Flügel wie von Geisterhand, die Tasten bewegen sich – und immer mehr scheint das Instrument auf Dix zu reagieren, es spielt, was der Techniker gesungen hat, kommentiert, was er sagt. Beide beginnen, miteinander zu kommunizieren. Wie sich ihre ungewöhnliche Beziehung entwickelt, zeigt das rund 80-minütige Musical von Arpad Bondy, das am Silvesterabend direkt zweimal im Podium des Theaters zu sehen sein wird.

Bondy hat es eigens für das Theater Pforzheim geschrieben – die Idee aber hatte er schon lange. Der Dokumentarfilmer, Musiker und Filmkomponist kennt Thomas Münstermann – den Intendanten des Pforzheimer Theaters – seit gemeinsamen Jahren in Berlin. So alt wie ihre Freundschaft ist beinahe auch die Idee zu „Mann mit Flügel“. Reizvoll ist die Verbindung von One-Man-Show mit wildgewordenem Klavier. Warum hat es da so lang gedauert, bis das Stück auf die Bühne kommt? Die Schauspieler hätten nicht mitgespielt, meint Bondy. Denn so ganz alleine auf der Bühne stehen, keinen neben sich haben, der mal unterstützen kann, wenn die Luft raus ist – das hat viele abgeschreckt. Den Fernsehschauspieler Ulrich Noethen zum Beispiel. „Mit dem hätte ich das gerne gemacht“, sagt Bondy. „Der kann recht anständig singen.“ Aber er lehnt ab. Weil er nicht am Abend gegen eine Maschine spielen will. Denn der Konzertflügel ist ein ganz besonderes Instrument.

Bildergalerie: "Mann mit Flügel" feiert Premiere am Theater Pforzheim

Zwar ein ganz natürliches Klavier, mit echten Saiten, Korpus und Tasten. Aber trotzdem voll automatisch bespielbar. „Die Tasten werden elektromagnetisch nach unten gezogen und erzeugen so die Töne“, sagt Bondy. Vom Band kommt das Stück aber trotzdem nicht. Ein Techniker steuert vom Computer aus die Einsätze des Klaviers, tritt Bode so beinahe als Partner entgegen. Es dürfe kein Rhythmus der Maschine entstehen, meint Münstermann. Denn die Geschichte ist eine voller Emotion.

Dix hat ja nicht immer Theatertechniker werden wollen; seinem Leben kommen die Zuschauer Stück für Stück nahe. Am Anfang war da die Sehnsucht nach dem Schauspielberuf. Dix spricht vor, Schauspieler werden nicht gesucht. Aber ein Techniker. Dix nimmt an – und bleibt hängen, 15 Jahre. Bis ihm auch der Technikerberuf genommen wird.

Da scheint das mit dem Strick eine gute Idee zu sein. Doch am Ende hat er die Hoffnung wieder, hat im Zwiegespräch mit dem Instrument sich besser kennengelernt, hat gesungen – und dann auch eine Perspektive für die Zukunft.

Inszeniert hat das Stück der Pforzheimer Spielleiter Alexander May. Er blickt von außen auf das Werk, das Bondy schon so lange mit sich herumträgt – und das er in allen Teilen selbst konzipiert hat. Er hat den Text geschrieben, die Songs komponiert – und die Klaviermusik auf dem Flügel eingespielt. Das ging nicht einfach mit einem Knopfdruck, sondern in monatelanger Arbeit. Denn der Flügel spielt, wie kein Pianist spielen kann. So schnell, so flink, so wuchtig gesetzt, dass Bondy nacheinander gespielt hat, was dann später zusammen erklingt. Herausgekommen ist ein wildes Musical zwischen den Stilen. Mit rund 7000 Tönen – und zwei ganz besonderen Protagonisten.