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Lärmend ziehen die „Rassler“ über den Waisenhausplatz.
Lärmend ziehen die „Rassler“ über den Waisenhausplatz.
Monumental: Auch am Samstagabend zeigt die Theatergruppe Titanick mit 200 Statisten ihr „Gold-Rausch“-Spektakel zur 250-jährigen Geschichte der Pforzheimer Schmuck- und Uhrenindustrie. Fotos: Ketterl
Monumental: Auch am Samstagabend zeigt die Theatergruppe Titanick mit 200 Statisten ihr „Gold-Rausch“-Spektakel zur 250-jährigen Geschichte der Pforzheimer Schmuck- und Uhrenindustrie. Fotos: Ketterl
Mittendrin: Uwe Köhler, künstlerischer Leiter der Theatergruppe Titanick und Jubiläums-Macher Gerhard Baral (vorne, von links).
Mittendrin: Uwe Köhler, künstlerischer Leiter der Theatergruppe Titanick und Jubiläums-Macher Gerhard Baral (vorne, von links).
Golden glitzert es zum Schluss.
Golden glitzert es zum Schluss.
Die Schmuckindustrie braucht Arbeiter.
Die Schmuckindustrie braucht Arbeiter.
31.07.2017

Massenhaft magische Momente beim „Gold-Rausch“

Pforzheim. Das „Gold-Rausch“-Schauspiel ohne Texte, aber mit viel Musik und Effekten, lockt am Wochenende mehr als 10.000 Besucher an. Die Theatergruppe Titanick aus Münster und Leipzig begeisterte am Samstag zum zweiten Mal mit ihrem „Gold-Rausch“-Spektakel beim Waisenhausplatz in Pforzheim.

Kein Durchkommen mehr vor der Bibliothek: Ich stecke fest, habe den Höllenlärm der „Rassler“ noch im Ohr. Mit Eisenstangen, Ölfässern und Blechdosen haben die Trommler der Gruppe „Stahl Fatal“ und die Tänzer der Ballettschule Sabine Roser einen mitreißenden Krach gemacht. Doch plötzlich bleibt alles stehen, auch der Lkw als Riesen-Schmuckschatulle mitsamt den Security-Leuten, mobilen Scheinwerferträgern und Ordnern mit weißen Armbinden. Ein Feuer flammt auf und langsam öffnen sich die Türen der fahrbaren Bühne – ein magischer Moment. Große Räder und Geräte wie in einer Manufaktur kommen zum Vorschein, dazu erklingt ein Musik-Mix aus Funk und klirrenden Arbeitsgeräuschen. Immer wieder bin ich in dieser außergewöhnlichen Nacht überrascht, fasziniert – und erleichtert bei jedem Entkommen aus der Menge.

Zum zweiten Mal zeigte die Theatergruppe Titanick aus Münster und Leipzig am Samstag mit 200 Statisten aus Stadt und Land ihr „Gold-Rausch“-Spektakel zur 250-jährigen Geschichte der Pforzheimer Schmuck- und Uhrenindustrie – ein Ereignis, das nach dem Freitagabend abermals mehr als 5000 Besucher anlockt.

Von Anfang an versuche ich, nah dran am Geschehen zu bleiben. Beim Waisenhausplatz, wo das bildgewaltige Schauspiel ohne Texte beginnt, gelingt es mir noch. Kaum hat der Kinderchor der Chor-Akademie Pforzheim unter Leitung von Salomé Tendies das eingängige und immer schneller werdende Lied „Dreh die Spindel“ mit glockenklaren Stimmen gesungen, schon setzt sich die Masse in Bewegung. Es klingt und fühlt sich an wie bei Karneval und Zirkus, die Musik von Monika Hinze trägt viel dazu bei. Die Leipziger Titanick-Band-Leiterin, die neben Stefan Gocht (Trompete und Posaune), Uwe Steger (Akkordeon) und Hannes Malkowski (Schlagzeug) am Keyboard agiert, hat diese eigens komponiert – mit Ausnahme des Gospels „When The Saints Go Marching In“ oder des Revue-Filmhits „Ich brauche keine Millionen“. Es ist eine Mischung aus Film- und treibender Parademusik, Jazz und Spieluhrmelodien, zu der sich afrikanische und lateinamerikanische Rhythmen sowie zünftige Blasmusik der Pforzheimer Gruppen gesellen. Mit Getöse, Trillerpfeifen und einer Rosenmontagsstimmung, bei der es wie zu Silvester riecht, geht es in Minischritten voran – besonders auf der Deimlingstraße, wo tanzende und trommelnde „Einwanderer“-Gruppen mit Koffern auftauchen. Auf der Treppe vor der Schloßkirche geben Marie Nandico und Christian Backhauß ein prächtig ausstaffiertes Hochzeitspaar ab, wirken als Sänger jedoch ein wenig blass.

Beim effektvollen Theaterspiel auf der Schatulle bewegen sich die fünf golden kostümierten Protagonisten meist roboterhaft, erinnern an Spielfiguren oder gar menschliche Puppen. Angenehm ist die plötzliche Stille beim Bezirksamtsturm. Von oben werden Militärmäntel herabgeseilt, die den Übergang zum Krieg symbolisieren. Auf einmal die heiße Stichflamme, die nicht nur mich erschreckt. Ein Projektchor aus 40 Sängern des Motetten-, Altstadtkirchenchors oder der Johanneskantorei stimmen das nachdenkliche Trauerlied „Weinet!“ an. Eindrücklich auch das leise Glockenspiel von Salomé Tendies auf dem Neuen Rathaus nach dem farbenprächtig inszenierten Finale mit Feuerwerk. Voller Eindrücke und mit müden Beinen gehe ich nach Hause.