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Von der Linie zur Person: Mehrdad Zaeri reagiert auf Zurufe. Foto: G. Meyer
Von der Linie zur Person: Mehrdad Zaeri reagiert auf Zurufe. Foto: G. Meyer
11.06.2019

Mehrdad Zaeri schildert im „Café Carlo“ seinen Lebens- und Schaffensdrang

Pforzheim. Hin und wieder flattert die Melancholie wie ein scheues Vögelchen über seine Bilder – manchmal breitet sie nach Raubvogelart ihre Schwingen aus und scheint das Bild an sich zu reißen. Und doch – man kann eine Menge Spaß haben mit dem, was Mehrdad Zaeri malt, zeichnet, illustriert.

Voller Hingabe an spielerisches Gestalten und Freude an spontanen Veränderungen nimmt er mit auf seine ganz eigene Reise des Entdeckens in optische Welten, aber auch in sehr persönliche Botschaften und in verschiedene Kulturen. Mehrdad Zaeri war 15 Jahre alt, als er mit seiner Familie Isfahan verließ. Der berührende Bogen, den er mit seiner Verbundenheit zur Heimat und der Sehnsucht, freier Europäer zu sein, schlägt, ist immer auch in seinen Bildern spürbar. Davon konnten sich am Freitagabend die Zuschauer im Pforzheimer „Café Carlo“ überzeugen. Hier erzählte Mehrdad Zaeri von seinem Lebens- und Schaffensdrang.

Es ist wie eine verrückte Pointe, dass diese Schaffensexplosion, die sich mit spontanen Linien über das Papier legt und kaum einmal Zögern und Zurückzucken kennt, sich in so viel poetische Ruhe und sanfte Melancholie verwandelt. Dass dem gebürtigen Iraner, der unbändige Lust am Erzählen in Wort und Bild hat, dabei auch der Schalk gehörig im Nacken sitzt, war den Zuhörern bald klar – so richtig deutlich wurde es dann noch einmal, als Zaeri mit dickem Filzstift sein Zeichnen demon-strierte: Alles beinhaltet die Möglichkeit zu Veränderungen, im Offensichtlichen verbirgt sich stets die Hoffnung auf Überraschendes.

Nichts ist vorgeplant oder gar durchgestylt. Der Bilderreigen, der aus ersten Strichen entsteht – „Kritzelkratzel“ nennt Zaeri das – darf das Publikum an diesem Abend mitgestalten. Es wirft dem Künstler die Stichworte zu – und er fängt sie auf. Intuitiv, mit einer unfassbaren Leichtigkeit wandelt sich die Linie zum konkreten Ding, zu einer Person, die wiederum neue Geschichten in sich trägt, zu vielen liebevollen Details. „Kunst muss von den Menschen nicht verstanden werden, es reicht, wenn man sie in sich fühlt“, hat Mehrdad Zaeri einmal gesagt. Und auch das: „Da muss man dem Hirn sagen: Bleib du mal ein paar Minuten draußen, ich möchte gerne eine Affäre mit meinen Händen eingehen und mit denen was Schönes machen. Und, wenn die Hände fertig sind, lass ich dich wieder rein, mein liebes Hirn. Und es funktioniert tatsächlich: Die Hände arbeiten, und das , wie in Trance, und so entstehen ganz schöne Sachen.“

Persische Familiengeschichte

Schwarz und Grau sind Zaeris Lieblingsfarben. Besonders aber mag er die Mischung zwischen Grau und Rosa. Die sanfte Melancholie ist auch ständiger Untermieter in seinem Herzen. Im „Café Carlo“ erzählt er von der Schönheit der Stadt Isfahan und dem glücklichen Familienleben mit Vater, Mutter und drei Geschwistern, von den Greueltaten der islamischen Diktatur, vom Entschluss, die Heimat zu verlassen. Von der Freude des Ankommens, aber auch von den Schwierigkeiten des Begreifens einer neuen Lebenswelt und vom unstillbaren Drang, zu zeichnen, zu malen, zu illu-strieren. Es ist auch ein Stück persischer Erzähltradition, an der man teilhaben kann – eine persische Familiengeschichte voller Zusammenhalt, aber auch mit Wegen, die man alleine gehen musste.

Heute hat Zaedi, verheiratet mit der aus dem Schwarzwald stammenden Fotografin Christina Laube und in Mannheim lebend, es geschafft: Mit vielen Ausdrucksmöglichkeiten hat er sich einen Platz in Kunst und Literatur geschaffen, in die Vertrautheit mit der neuen Heimat mischt sich die Verbundenheit mit der alten Kultur. So sind es auch Grenzerfahrungen und Grenzgänge, die in seinen Bildern stecken – ein Ziel immer im Blick: die Freiheit des Geistes und der Bilderwelten.