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Kongeniale, seit vielen Jahren währende künstlerische Partnerschaft: Matthias Hautsch (links) und Dieter Huthmacher.  Foto: Ketterl 

Meister der Zwischentöne: Dieter Huthmacher mit Matthias Hautsch präsentieren neues Programm

Pforzheim. Nachdenkliches, Heiteres und Hintersinniges: Das Multitalent Dieter Huthmacher und der begnadete Musiker Matthias Hautsch haben den knapp 200 Besuchern am Freitagabend im Malersaal des Kulturhauses Osterfeld ein wahres Wechselbad der Gefühlswelt beschert. Wer eben noch herzhaft über die absurden Dialoge aus Huthmachers Buch „Hätt i bloß mei Gosch ghalte“ gelacht hat, lauscht später den leisen (Zwischen-) Tönen der Lieder aus seiner aktuellen CD „Vogelmund“.

In ihrem neuen Programm „Glanzlieder“, das vergangenen November im PZ-Forum Vorpremiere feierte, bieten die Lokalmatadoren allerlei Kurzweil. Auch wenn der ein oder andere Gast offenbar mehr Vergnügliches erwartet hätte. „Früher war er lustiger“, sagt da jemand in der Pause über den Pforzheimer Mundartinterpreten, Chansonnier, Texter, PZ-Karikaturisten, Kabarettisten und bildenden Künstler. Eine Woche vor der angekündigten Demo der „Rechten“ in Pforzheim hat Huthmacher Position bezogen – mit einem eindringlichen Text, den er bereits bei der „Let’s get loud“-Veranstaltung im Osterfeld vortrug und mit den Worten ankündigt: Wer behauptet, die Nazi-Zeit sei ein Vogelschiss in der Geschichte, müsse das Hirn eines Vogelschisses haben. „Es ist aber unsere Pflicht, nicht zu vergessen. Und zu warnen“, sagt Huthmacher. Mit Blick auf die AfD im Bundestag: „Sie sitzen fest in Reih’ und Glied, und singen mit beim deutschen Lied.“ Jenen politischen Missstand prangert er dann im Titel „Verantwortung“ in der Tradition von Protestliedern an.

Feinsinniger Alltagsbeobachter

Doch Wut und Melancholie, Freude und Trauer, Lachen und Weinen liegen in dem Programm der beiden dicht beieinander. Ausschnitte aus dem Buch trägt Huthmacher meist auf Mundart vor, in einer Sprache irgendwo zwischen Schwäbisch und Badisch: witzige Kurztexte, Aphorismen und mit Verve vorgetragene Dialoge, mit sich und anderen. Ob beim Gang zum Friseur, Einkauf in der Konditorei, Radfahren um den Bodensee, bei einer Geschichte über Schnecken oder die vom Fußball inspirierten Passagen über den italienischen Startrainer, den leidenden Fan oder das seltsame Radio-Interview: Oft prallen Gegensätze zwischen Hochdeutsch und Dialekt aufeinander, zwischen geschraubt Intellektuellem und vermeintlich einfach Gestricktem.

Herrlich das Fachgespräch zweier Landwirte von der Alb, das vermutlich nur sie selbst verstehen. Huthmacher geht dem Klang der Sprache auf den Grund und zeigt sich als feiner Beobachter des Alltags, des Zwischenmenschlichen. Stets mit einem Augenzwinkern. Wie beim Paar, das sich in der Gaststätte nicht auf einen Sitzplatz einigen kann. „No geh’mer widder.“ Ist auch besser so. Denn: „Teuer wär’s au gwä.“ Sein Humor ist mal deftig, mal Loriot-mäßig absurd. Nordschwarzwald und Rassler – immer wieder gibt’s eine Portion Lokalkolorit.

Bissig entzaubert er in dem Titel „Die Vips“ all jene, die sich in der Stadt für besonders wichtig halten. Huthmacher, Liedermacher alter Schule, singt mit klarer, warmer Stimme von der Suche nach Heimat, enttäuschter Liebe oder von der alten Pendeluhr seiner Mutter, deren monotones Ticken Hautsch an der Gitarre lautmalerisch umsetzt. Es ist eine kongeniale, seit vielen Jahren währende Partnerschaft: hier der Wortakrobat im dunklen Anzug, dort der Musiker in Jeans, dessen Gesicht meist unterm Wuschelhaar vergraben liegt. Selten blickt Hautsch auf, rüber zum Sänger.

Behutsame Klangveredelung

Mal lässt er die Töne sanft perlen, dann verfremdet er den Gitarren-Sound so effekt- wie maßvoll. Den Nummern „Vogelmund“ oder „Osterglocke“, ein berührendes Liebeslied über Huthmachers Mutter, verleiht der Gitarrist ein schwebendes, zärtliches und träumerisches Fundament. Hautsch betreibt behutsame, zurückhaltende Klangveredelung. „Schön“, schwärmt eine Zuhörerin. Das Publikum beeindrucken vor allem die Soli, bei denen er seine Gitarre mit einer riesigen Bandbreite an Spieltechniken bearbeitet: mitreißend schnell oder als Percussion-Instrument. Nach zweieinhalb Stunden und drei Zugaben endet der Abend mit langem Applaus.