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Eintauchen in die Unterwasserwelt: Das „Great Barrier Reef“-Panorama von Yadegar Asisi ist derzeit im Gasometer Pforzheim zu bewundern. 
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Eintauchen in die Unterwasserwelt: Das „Great Barrier Reef“-Panorama von Yadegar Asisi ist derzeit im Gasometer Pforzheim zu bewundern. 
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Spannendes Gespräch: Die Kunst- und Design-Theoretiker Robert Eikmeyer (links) und Thomas Hensel (rechts) lauschen den eindrucksvollen Ausführungen des Malers und Architekten Yadegar Asisi in der Aula der Fakultät für Gestaltung. 

Meister des Monumentalen: Welche Tipps Panoramen-Schöpfers Yadegar Asisi bei seinem wortgewaltigen Auftritt den Pforzheimer Studierenden gab

Pforzheim. Wenn Yadegar Asisi eine Frage beantwortet, kann das dauern. Gerne mal 15 Minuten. Zum Start ein kurzes Video seiner Arbeitsweise, auf weitere Illustrationen verzichtet der Schöpfer der berühmten, bis zu 32 Meter hohen Panoramen. Die Kunst- und Designtheoretikern Robert Eikmeyer und Thomas Hensel hatten ihn im Rahmen der von der PZ unterstützten „Artefakte“-Reihe zum Gespräch eingeladen, anlässlich der Fünf-Jahres-Feier des Pforzheimer Gasometers. Dort ist nach „Rom 312“ nun das „Great Barrier Reef“ in 360 Grad zu bewundern.

Wer Asisis wortgewaltigem Vortrag am Montagabend in der – nicht nur mit Studierenden – voll besetzten Aula der Fakultät für Gestaltung zuhört, wer zuschaut, wie er mit den Händen Perspektiven in den Raum zeichnet, bekommt eine gute Vorstellung dessen, was den 64-Jährigen antreibt.

Und das ist weniger das Wie, sondern das Warum. Dabei wendet er einen Trick an: Zunächst liest er nichts über das Thema des Panoramas, sondern er beschäftigt sich mit dem Raum. „Was passiert mit mir an diesem Ort?“ Erst dann fange die jeweilige Geschichte an, lebendig zu werden: mit Zeichnungen, Skizzen, Malerei, aufwendigen Foto-Shootings (etwa der Korallen für die Riff-Darstellung), dem Zusammensetzen am Computer bis zum Stoffdruck. Natürlich gestalte er viele der anspruchsvollen Prozesse nicht alleine. „Für jedes Ding, das ich mache, gibt es Verrückte auf der Welt. Ich bin ja selbst ein Verrückter“, sagt er. Die Technik entwickle sich und eröffne seinen Panoramen immer mehr Möglichkeiten.

Diese Art der perspektivischen Darstellung hatte, wie Hensel ausführt, ihre Blütezeit im 19. Jahrhundert und erfährt heute durch Asisi „eine Bildform, die Zeit und Raum noch mehr verdichtet“. Der gebürtige Wiener Asisi lebt und arbeitet nach dem Studium der Architektur in Dresden und der Malerei in Berlin heute in der Hauptstadt. Anfang der 1990er-Jahre initiierte er die Rekonstruktion des Panoramas „Rom im Jahre 312“ für die Ausstellung „Sehsucht“ in Bonn. Er schuf damals eine 4,30 Meter lange, farbige Fassung als Ölbild. Seitdem feiert die Wiederbelebung der Panoramamalerei durch den ehemaligen Hochschullehrer große Erfolge.

Denn wer die Panoramen begeht, ist Regisseur der eigenen Eindrücke, kann seine Standpunkte und die Zeitdauer selbst wählen. „Kinder rennen oft hinein und erstarren“, beobachtet Asisi. Seine Arbeiten sieht er selbst als „offenporig und kritisch. Sie eröffnen den Einstieg in viele Themen“. Er gebe keine Antworten, sondern er mache ein Angebot.

Mit „Everest“ entstand Anfang 2000 das erste Riesenpanorama des Künstlers. „Ich habe gedacht, der größte Berg der Welt braucht das größte Panorama der Welt“, erklärt Asisi. Es folgten viele weitere: faszinierende Naturräume, historische Städte und atmosphärische Momente der Zeitgeschichte. 2005 war „Rom 312“ in Leipzig zu sehen, danach in Dresden, Pforzheim und Rouen.

Architekt, Maler, Fotograf, Wissenschaftler und Visionär – so stellen Hensel und Eikmeyer den 64-Jährigen vor. Sich selbst habe er indes noch nie eingeordnet, sagt Asisi: „Das machen immer andere“. Und dennoch: Er habe einen allumfassenden Blick. So faszinieren ihn „der Geruch und die Vielfalt der Renaissance“, führt er mit Blick auf Leonardo da Vinci aus. Aber auch Picasso mit seiner Lust am Machen. „Der hatte keine Furcht vor nix.“ Und er sei gefesselt von Religion, „weil sie die Welt in Spannung hält“. Insofern sei er „von allem etwas“ – aber nur, wenn es Tiefe hat. Sein anderer Blick auf die Welt führe ihn auch zu den Themen. Das müssten nicht immer die ganz Großen sein. In seinem neuen Projekt im Panometer Leipzig schaue er in einen ganz normalen Kleingarten – mit 25 Meter großer Biene.

Die Anerkennung seines Werks ist indes so eine Sache. Mit Überwältigung habe die Kunstkritik, so Hensel, schon immer ein Problem. „Ein rotes Tuch für die aufgeklärten Bürger.“ Von Eikmeyer darauf angesprochen, dass ein Wahrnehmen oder Aufarbeiten seiner Werke in der Kunstwelt kaum stattfinde, obwohl – oder gerade weil – sie die Massen begeisterten, bestätigt Asisi: „Ich verstehe bis heute nicht, warum man noch keine Ausstellung mit mir gemacht hat. Ich könnte Museen füllen.“ Vor allem den Vorwurf von Politikern, er sei ein Wirtschaftsunternehmen, empfinde er als beleidigend. „Was ich einnehme, verwende ich für neue Projekte.“ Dennoch lasse er sich von der „Arroganz etablierter Ebenen“ nicht verrückt machen.

Und so rät Asisi den Studierenden: Immer authentisch bleiben. „Du musst den Weg finden, mit dem du glücklich bist.“ Auch er sei in seinen Zwanzigern gestolpert, habe sich in den Dreißigern gefragt, wer er sei, dies in den Vierzigern beantwortet – und seither führe er es durch. Die von ihm wiederbelebte Kunstform des Panoramas habe er nicht gesucht, sie sei gewissermaßen zu ihm gekommen. Natürlich habe es Vorläufer gegeben. Das Zeichnen sei die einzige Kontinuität gewesen. Und eine Faszination für Illusionen.

Michael Müller

Michael Müller

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