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20.08.2018

Michael Ondaatjes bewegender Familienroman „Kriegslicht“

Berlin. „Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort und ließen uns in der Obhut zweier Männer zurück, die möglicherweise Kriminelle waren.“ So beginnt Michael Ondaatjes neuer Roman „Kriegslicht“, und natürlich will man sofort mehr wissen über das Schicksal dieser Kinder. Wir tauchen ein in das vom Krieg traumatisierte London, in dem die Grenzen zwischen Legalität und Verbrechen fließend sind.

Der 1943 in Sri Lanka geborene, in England aufgewachsene und seit 1962 im kanadischen Vancouver lebende Michael Ondaatje schafft es wieder einmal meisterhaft, uns in eine düstere, abenteuerliche Welt hineinzuziehen, in der unglaubliche Dinge passieren. Wie in seinem Erfolgsroman „Der englische Patient“ (1992), versammelt der Autor zum Kriegsende eine versprengte Gruppe von Menschen, die ihr Leben neu zusammensetzen müssen. Einige von ihnen waren Geheimagenten, die ihre Taten wie einen Fluch mit sich rumschleppen. In „Kriegslicht“ bleiben der knapp 15-jährige Ich-Erzähler Nathaniel und seine etwas ältere Schwester Rachel in der Obhut eines ominösen Mannes zurück, den sie nur den Falter nennen. Ihre Eltern sind angeblich nach Asien geflogen, weil der Vater dort einen Job angenommen hat. Für die abrupt verwaisten Geschwister öffnen sich unverhofft Freiräume, ins Internat gehen sie nur noch sporadisch. Bald wird ihre Wohnung bevölkert von zwielichtigen, aber nicht unsympathischen Gestalten wie dem Boxer, der zu einer Art Ersatzvater für Nathaniel wird.

Die Familie wird für Nathaniel zum Flickenteppich, zum Lebensrätsel. Immer mehr rückt seine Mutter Rose in den Fokus. Welche geheimen Missionen hat sie ausgeführt? Wie war ihre Kindheit in der scheinbaren Idylle der ostenglischen Grafschaft Suffolk? Dorthin zieht sich der Erzähler Nathaniel 1959 im zweiten Teil des Romans zurück, um das Schicksal seiner inzwischen verstorbenen Mutter aufzuklären.