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Entführen in die Atmosphäre abseitiger Nachtclubs und anrüchiger Absinth-Bars: Severija Janušauskaite und das aus der Serie „Babylon Berlin“ bekannte Moka Efti Orchestra. 

Moka Efti Orchestra gastiert in gut besuchter Remchinger Kulturhalle

Remchingen. Die Kult-Serie „Babylon Berlin“ hat sich ins Gedächtnis der Fernsehnation gebrannt. Mit ihr der gleichermaßen elektrisierende wie düstere Titelsong „Zu Asche, zu Staub“, der nicht von ungefähr an die liturgische Formel „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub“, erinnert – und damit an Vergänglichkeit und Tod.

Tragende Rollen in Tom Tykwers aufwändiger TV-Produktion haben mehreren deutschen Schauspielern den Karriereweg geebnet. Auch der Soundtrack dieser Serie hat Stars aus der Taufe gehoben: Das Moka Efti Orchestra und die faszinierende Garçonne und Sängerin Severija Janušauskaitė, die neben ihrer dunklen Stimme keine nennenswerten Requisiten benötigt, um Erinnerungen an Marlene Dietrichs Ausstrahlung oder an Fritz Langs Meisterwerk „Metropolis“ freizusetzen.

Das Moka Efti Orchestra und Frontfrau Severija haben als Ensemble nicht nur die lähmenden Pandemie-Jahre erfolgreich überstanden, sondern bislang allen spaltenden Zentrifugalkräften getrotzt, die einer 14-köpfigen Musiker- und Individualistentruppe per se innewohnen. Mit Blick auf die Rollenverteilung während des Remchinger Konzerts am Freitag, drängt sich sogar der Eindruck eines wundersamen Zusammenhalts auf. Denn anfangs, beim jazzigen Titel „Rainbow“, wie bei der Zugabe, gehört das Gesangsmikrofon alleine dem Pianisten und Komponisten Nikko Weidemann. Der eigentliche Star, die aus Šiauliai im Norden Litauens stammende Sängerin Severija Janušauskaitė, ist während der ersten drei Stücke noch nicht auf der Bühne; sie leiht ihre markante Stimme an diesem Konzertabend ganzen fünf Songs des insgesamt 18 Titel umfassenden Moka-Efti-Repertoires. Zugegeben, die Instrumentaltitel bringen zwar eine breite stilistische Vielfalt – Charleston, Tango und Gypsy Swing –, doch zu Ausstrahlung und Wiedererkennungswert tragen sie auf der Bühne wenig bei. Denn trotz exzellenter Soli einiger Bläser – an erster Stelle ist der junge Trompeter Florian Menzel zu nennen –, entsteht nur bei Severijas Sprechgesang so etwas wie eine sanfte Anmutung dessen, was wir heute für das überdrehte, feierwütige Berlin der „Wilden Zwanziger“ halten. Sobald die Sängerin bei einem Neo-Chanson im grellen Scheinwerferlicht eine Zigarette raucht, ist alles andere nur noch Nebensache. Und die Bühne scheint – wie unterm Brennglas – zum abseitigen Nachtclub, zur anrüchigen Absinth-Bar zu werden. Hier, genau hier, gibt es in Remchingen erste stehende Ovationen.

Zum Höhepunkt wird die vom einem Saxofon-Solo Sebastian Borkowskis grandios eingeleitete, von Severija auf Russisch gesungene und den Menschen in der Ukraine gewidmete Interpretation von „Gloomy Sunday“. Das melancholische „Lied vom traurigen Sonntag“ wurde im Jahr 1932 vom ungarischen Dichter László Jávor geschrieben und vom Pianisten Rezső Seress vertont. Es trägt auch den Beinamen „Lied der Selbstmörder“ – einige Radiosender verweigerten anfangs seine Ausstrahlung. Während des Zweiten Weltkriegs schrieb Seress mit „Vége a világnak“ (zu Deutsch: „Ende der Welt“) einen zweiten Text, der kriegerische Grausamkeit anprangert. Für die Takte dieses Songs ist die Ukraine augenblicklich ganz nah, und die Feiermetropole Berlin ganz weit weg von Remchingen.