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Vier Wissenschaftler (Timon Schleheck, Nika Wanderer, Daniel Kozian und Andreas C. Meyer, von links) diskutieren über die Technologisierung des Alltags. 

Moralischer Bankrott der Technologie: Erstaufführung von „HumanApp“ im Podium gefeiert

Pforzheim. Kann künstliche Intelligenz so programmiert werden, dass sie Entscheidungen aufgrund ethischer Werte fällen kann? Diese spannende Frage stellt der luxemburgische Literaturwissenschaftler und Autor Ian de Toffoli in seinem Stück „HumanApp“, das sich mit der massiven Technologisierung des Alltags auseinandersetzt. Das im November 2020 in den Théatres de la Ville de Luxembourg uraufgeführte Schauspiel war jetzt als gefeierte Deutsche Erstaufführung in Gegenwart des Autors im ausverkauften Podium des Theaters Pforzheim zu erleben.

Der Ausgangspunkt ist die Diskussion von vier Mitgliedern einer technologischen Expertengruppe über fehlerfreie Algorithmen und die totale Vernetzung. Durch die Kostüme sind sie in der großen Zeit der wissenschaftlichen Diskussionen, dem 19. Jahrhundert, verortet. Schnell wird aus der Theorie Praxis, ein Fallbeispiel soll offene Fragen klären. Andreas C. Meyer verwandelt sich in den technologie-empathischen Programmierer Vincent. Daniel Kozian wird zum skrupellos fortschrittsgläubigen Ingenieur Max. Timon Schleheck verbreitet als begeisterungsfähiger, aber labiler Social Media Manager Laurenz die Erfolge der Firma Global Automotive Systems, für die sie alle arbeiten, im Netz. Jüngster Entwicklungserfolg: das selbstfahrende (und selbst denkende) Auto Sarah (Nika Wanderer). Nach einem Gaststättenbesuch der drei verursacht Sarah einen tödlichen Unfall und verstößt damit gegen das erste Asimovsche Gesetz der Robotik, niemals einem Menschen zu schaden. Ihre Programmierung ließ ihr für den Zusammenstoß aber nur die Wahl des statusmäßig am niedrigsten stehenden Menschen, der Radfahrerin Nadine.

In einem spannenden Kammerspiel schildern alle Beteiligten ihre sehr unterschiedlichen Sichtweisen. Manager Laurenz erkennt in der technologischen Entwicklung die „Usurpation der Demokratie“, löscht seine Identität und zieht sich völlig aus der digitalen Welt zurück. Programmierer Vincent erschafft Nadine, das „proletarische Gegenstück zur virtuell herrschenden Klasse“, die sich als Datensammlerin mühsam ernährt, in einem synthetischen Körper neu und verliebt sich in sie. Programmierer Max ist von der perfekten Funktion des Autos Sarah überzeugt. Sarah verzweifelt an dem Widerspruch zwischen ihrem Werte- und ihrem Verhaltenskodex, den sie nicht lösen kann, und bittet Vincent darum, sie zu zerstören. Sie ist es, die den moralischen Bankrott der Fallstudie entlarvt, weil eine Instanz fehlt, die die künstliche Intelligenz kontrolliert.

Mona Sabaschus spannt mit ihrer stringenten Inszenierung einen durchgängigen Spannungsbogen über die fast philosophisch anmutende Wissenschaftsdiskussion, die durch den Kunstgriff des Fallbeispiels ein schlüssiges Handlungsrückgrat erhält. Die vier motivierten Darsteller überzeugen mit ihrer durchgängigen Präsenz und gutem Zusammenspiel. Die reflektive Ausstattung von Janin Lang kombiniert organische Elemente als Symbole der Natur mit vielen Spiegeln, die die fortschrittsgläubigen Menschen immer wieder auf sich selbst zurückwerfen. Ihre unendlichen Erfindungen verblassen in rätselhaft-dämonischen Bildern. Ein aktuelles Thema, intelligent behandelt und spannend umgesetzt und ein zurecht gefeierter Theaterabend.